Musik

Lang Lang streichelt Schuberts Sonate aus den Tasten

In Lang Langs Konzerte geht man zunächst, um überrascht zu werden. Diesmal stand in der Philharmonie Schuberts große B-Dur-Sonate auf dem Programm, dieses einzelgängerische Stück seines Lebens: ein Abschiedsstück sozusagen, dem Dahinsterben abgetrotzt.

Es versteht zu erschüttern. Es verlangt aber auch deutlich danach. Es öffnet sich nicht dem virtuosen Zugriff, es schmort ruhig dahin im eigenen Saft, der nun einmal Schuberts Blut ist. Darauf gilt es sich einzustellen. Gleichzeitig auf das unausweichliche Sterben. Kann ein Interpret das schon in so jungen Jahren? Lang Lang gibt sich natürlich alle erdenkliche Mühe. Er bleibt brav bei der herausfordernd traurigen Sache. Er streichelt das Scherzo buchstäblich aus den Tasten und belässt ihm allein dadurch schon seine Gleichgültigkeit.

Den Schluss-Satz pfeffert er dann mit all seiner unangefochtenen pianistischen Gewalt und fängt sich damit den entsprechenden Beifall. Eindrucksvoller aber noch: dem ungeliebten Zwischenbeifall nach den einzelnen Sätzen geht er nachhaltig an den Kragen. Den unerwarteten nach dem 1. Satz nimmt er noch hin, danach aber zieht er den Kopf ein und schließt allein damit schon den vorzeitigen Jubel aus. Schließlich soll das nachfolgende ergreifende Andante sostenuto nichts an seiner innigen Versunkenheit, nichts an seiner eingetrübten Seelenstimmung verlieren. Es gelingt Lang Lang tatsächlich, sie unverstört zu erhalten.

Nach der Pause kommt dann der virtuose Kraftakt, den Chopin mit seinen zwölf Etüden op.25 fordert, und Lang Lang liefert ihn makellos ab. Am Ende, mit dem Tastenfeuerwerk des beschließenden Allegro molto, glaubt man beinahe, er würde nun mit einer schroffen Handbewegung dem dienstwilligen Steinway die schwarzen und weißen Tasten entreißen und sie dem Publikum zum Andenken und zum Mitnehmen als Dauerregen vor die Füße streuen. Tat er aber nicht! Schließlich wurden ja verständlicherweise, wie es sich gehört, noch Zugaben gefordert.