Ausstellung

Dodo und die wilde Berliner Gesellschaft

Dodo kann man nicht googeln. Vor Hunderten von Jahren gab es einmal den seltenen kapuzentragenden Nachtvogel, der hieß auch Dodo. Aber Dodo? Klingt irgendwie geläufig, ein Künstlername. Dodo, 1907 brav getauft als Dörte Clara Wolff, eine waschechte Berlinerin, war Zeichnerin und Illustratorin.

Eine typische Frau der zwanziger Jahre im kosmopolitischen Berlin, dem Schmelztiegel der Avantgarde. Ihr Schicksal war es, dass ihre turbulente Biografie sich verlor zwischen den Um- und Aufbrüchen des 20. Jahrhunderts. 1936 musste die Jüdin Deutschland verlassen. Sie kehrte nie zurück. Im Londoner Exil starb sie 1998.

Androgyn und unabhängig

Die Kunstbibliothek am Kulturforum hat nun einen künstlerischen Schatz gehoben - mit der Wiederentdeckung dieser Künstlerin und ihres bis dato unbekannten Werkes ist eine wirklich spannende und prägnante Ausstellung gelungen, die das Berliner Lebensgefühl der Zwanziger wunderbar wieder aufleben lässt. Ihre Vita ganz zu sichern, war nicht möglich, Dodo selbst hat wenig überliefert. In gewisser Weise spiegelt sie den durchaus ambivalenten Glanz der sogenannten "Goldenen Zwanziger". Ihre emotionalen Achterbahnfahrten entsprechen der Suche nach der "Neuen Frau". Sie zieht durch die umjubelten Revuen, guckt sich bahnbrechende Theaterinszenierungen an. Mit ihrer Vorliebe für Baskenmützen und Hosen gibt sie sich betont androgyn, ihre berufliche Unabhängigkeit ist ihr alles. An der Reimann-Schule in Schöneberg macht sie ihre Ausbildung, Schwerpunkte: (Mode-)Zeichnung und Kostümentwurf. Die Technik beherrscht sie, Ideen hat sie auch, wie die Fantasiekostüme zeigen. Zur Information: 1927 gab es in Berlin allein 750 Damenkonfektionsbetriebe. Die Auftragslage war also nicht schlecht.

Im Privatleben lässt sie nichts aus, "experimentiert" offenbar mit Männern wie mit Frauen. Mit 21 will sie dann doch heiraten, da kommt ihr der über zwanzig Jahre ältere Notar und Rechtsanwalt Hans Bürgner gerade recht. Er verspricht nicht gerade Erotik, dafür väterliche Sicherheit. Bald aber langweilt sie das Muttersein, sie bricht aus, lernt den etwa gleichaltrigen Gerhard Adler kennen, Psychiater in Zürich. Sie geht auch in die Schweiz, macht dort eine Analyse. Weder mit Adler geht es gut, noch mit Bürgner alleine, zusammen haben sie eine Ménàge a trois.

Dass Dodos Werk jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt werden können, geht vor allem auf das Engagement der Sammlerin Renate Krümmer zurück. "Elektrisiert" von einer Caféhausszene auf der Webside eines Auktionshauses begann sie mit der Spurensuche. "Museumsreif fand ich Dodos Arbeiten", sagt die Hamburgerin, die mittlerweile an die vierzig Arbeiten besitzt. So begann sie zu recherchieren, stieß zuerst auf Tochter Anja (81), die in Edinburgh lebt, später auf die Enkelin. Mittlerweile hat sie die ganze weitverstreute Familie Dodo zu ihrem Projekt gemacht. Und wie das oft mit vergessenen Nachlässen so ist, fand sich ein Großteil der Blattwerke in Mappen und Akten bei einem Familienmitglied in Athen. 70 bis 80 Jahre hatte niemand diese fragilen Papiere gesehen.

Höhepunkt der Ausstellung sind zweifellos Dodos Beiträge für die Satirezeitschrift "Ulk", ein Wochenmagazin mit einer Verbreitung von 250 000 bis 300 000 Exemplaren zu Spitzenzeiten. Kleine ironische Gesellschaftsstudien, die das Geschlechterthema Mann/Frau clever umkreisen. Eine Glamourwelt im schönen Schein, die Luxus-Lady an der Seite des reichen, aber greisen Mannes, die Frage nach Liebe, Konvention und gleichgeschlechtlicher Anziehung. Die Neue Sachlichkeit lässt grüßen: die Linien sind dekorativ geschwungen, die Motive von kühler Eleganz, auffallend die Reduzierung von Details. Erstaunlich, aber Dodos Skizzen könnten heute kaum moderner sein.

Welche Entwicklung hätte Dodo wohl genommen, wenn sie in ihrem Berliner Umfeld geblieben wäre? In London jedenfalls gelang ihr der große Schlag nicht, den Briten war sie schlicht "zu kontinental". An der Themse entstanden eher biedere Stillleben oder Grußkarten mit touristischen Motiven. Berlin, das war einfach ihre Zeit.

Apropos googeln: Dodo wird bald einen Wiki-Eintrag haben. Nach dieser Ausstellung ist sie schließlich keine Unbekannte mehr.

Kunstbibliothek Matthaikirchplatz 6. Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr.

Tel. 266 424242. Bis 28. Mai.

Katalog: 39,80 Euro.