Interview mit Martin Stadtfeld

"Klassik ist nicht sexy, Klassik ist erhaben"

Erfolg kann auch eine Last sein. Als Martin Stadtfeld 2002 als erster deutscher Pianist den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, schlugen die Wellen der Begeisterung hoch, schwärmten Kenner gar von einem neuen Glenn Gould.

Zehn Jahre sind seither vergangen, längst hat der gebürtige Koblenzer sich auch mit Rachmaninow oder Beethoven auseinandergesetzt, doch der Name des mittlerweile 31-Jährigen steht in erster Linie noch immer für seine Bachinterpretationen. Nun kommt der schmale, groß gewachsene Mann mit dem Philharmonischen Kammerorchester München in die Philharmonie. Auf dem Programm: Klavierkonzerte von Bach. Christoph Forsthoff hat Martin Stadtfeld getroffen.

Berliner Morgenpost : Auf dem Cover Ihres aktuellen Albums kommen Sie im weißen Anzug daher - sind Sie unter die Dandys gegangen, Herr Stadtfeld?

Martin Stadtfeld (lacht): Das habe ich mit einem Fotografen ausgeheckt, der diesen stilisierten schwarzen Barockstuhl aufgetrieben hat. Und dann dachten wir: Nutzen wir doch diesen "frischen" Schwarz-Weiß-Kontrast, der auch gut in die heutige Bildsprache passt. Wenn das dazu beiträgt, dass die Leute hängen bleiben und sie dann zur Musik führt, soll mir das nur recht sein.

Berliner Morgenpost Zahlen sind ein verpöntes Thema in der Klassik, trotzdem die Frage: Verkaufen sich Ihre Alben mit Bach-Konzerten besser als die mit Werken anderer Komponisten?

Martin Stadtfeld Sie verkaufen sich schon am besten - allerdings führt das nicht dazu, dass das Label sagt, ich solle jetzt immer Bach spielen. Die Idee entstand aus einem Konzert mit dem Philharmonischen Kammerorchester in München, wo wir Bachs g-moll-Konzert gespielt haben.

Berliner Morgenpost Dennoch werden Sie auch von den Konzertveranstaltern bevorzugt mit Bach gebucht - wie groß ist Ihre Entscheidungsfreiheit?

Martin Stadtfeld Natürlich freuen sich die Veranstalter, wenn ich im Klavierrecital auch ein Stück von Bach spiele. Aber auch mir fehlt etwas, wenn kein Stück von Bach dabei ist: Denn Bach ist für mich die Quelle für alle Musik, die danach kommt, bei jedem Komponisten gibt es einen Bezug zu ihm.

Berliner Morgenpost Tatsächlich bei jedem?

Martin Stadtfeld Ja - manchmal einen sehr offensichtlichen und starken Bezug wie bei Mendelssohn und Schumann, aber eben selbst auch in der Musik von Wagner, die in ihrer Vielschichtigkeit so unglaublich polyphon ist. Für mich ist dies das Thema meines Lebens: Was hängt wie mit Bach zusammen in der Musik?

Berliner Morgenpost Hat sich Ihr Bach-Bild durch die Beschäftigung mit anderen Komponisten verändert?

Martin Stadtfeld Durch die Auseinandersetzung mit der Romantik ist mein Bach-Spiel vielleicht ein bisschen klangvoller geworden, auch klangsinnlicher. Ich versuche jetzt, Bach nicht nur zum Sprechen, sondern auch zum Funkeln zu bringen. Aber grundsätzlich hat sich mein Zugriff auf Bach eigentlich nicht verändert seit meinem achten Lebensjahr: Mein Zugang ist nach wie vor intuitiv und vom Gefühl geprägt, denn Bachs Musik packt mich immer sofort.

Berliner Morgenpost Ein intuitiver Zugriff - andererseits attestierten Sie Bach, seine Musik habe für Sie "fast etwas Gottähnliches". Wie passt das zusammen?

Martin Stadtfeld Bach und seine Musik haben für mich fast etwas Religiöses. Insofern ist es einerseits die Bewunderung, die ich dieser Musik entgegenbringe und auch die Dankbarkeit, dass sie mir so viel schenkt; auf der anderen Seite bin ich völlig frei von Angst, ob ich ihm gerecht werde - und das hängt mit der menschlichen Komponente seiner Musik zusammen.

Berliner Morgenpost Musik als Religionsersatz?

Martin Stadtfeld Wenn Bachs Musik eine Religion ist, dann eine, die vermittelt, was im Menschen vorgeht und diesen mit seinen Gefühlen aufnimmt. Und die Verschmelzung dieser beiden eigentlich entgegengesetzten Ebenen ist bei Bach so einzigartig: einerseits die Religiosität, Erhabenheit und Spiritualität - andererseits ist jede Note zutiefst menschlich.

Berliner Morgenpost Und wie halten Sie selbst es über die Musik hinaus mit der Religion?

Martin Stadtfeld Eine kirchliche Religion ist für mich eigentlich kein Thema mehr. Jede Religion ist ja eine Form von Sinnsuche, versucht Trost zu spenden und drängende Fragen zu beantworten. Und all dies finde ich auch sehr stark in der Musik von Bach: ein Orientierungspunkt.

Berliner Morgenpost Auch Popkünstler nehmen für sich in Anspruch, ihre Seele offenzulegen.

Martin Stadtfeld Der überwiegende Teil der heutigen Popularmusik ist eher eine gecastete Musik, eine Industriemusik, die einfach nur darauf abzielt, den vermeintlichen Massengeschmack zu treffen. Ohne Frage gibt es da Ausnahmen, aber das Gros ist dahingehend konzipiert und nicht von großen Persönlichkeiten, die sich mit ihrer Musik entäußern - das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

Berliner Morgenpost Können Sie selbst etwas mit der Pop-Musik unserer Zeit anfangen?

Martin Stadtfeld Nein. Im Auto höre ich immer Radio und habe festgestellt, dass ich mit dieser Mischung, diesem hilflosen Versuch, auf den Massengeschmack zu zielen und diesen auf primitivste Art zu befriedigen, nichts mehr anfangen kann. Ja, in großen Teilen empfinde ich das schlicht als unerträglich. Und nein, Klassik ist nicht sexy. Klassik ist tiefgründig und wunderbar und erhaben. Und das ist das, was die Menschen brauchen - sexy haben wir schon genug.