Musik

Der neue Rap wiegt sich in Bescheidenheit

Spätestens mit dem Niedergang von MTV scheint auch die Bedeutungslosigkeit von Rapkultur und -unkultur besiegelt. Klar veröffentlichen die Amerikaner Jay-Z und Kanye West regelmäßig verlässlich Wegweisendes.

Doch vorbei die kommerziellen R&B-Auswüchse und die Zeit, in der P. Diddy, 50 Cent und Usher mit Goldketten und wilden Gööörls ihren Aufstieg vom Bordstein zur Skyline feierten. Vorbei die Videos, in denen Typen in schlimmen Klamotten mit Geldbündeln aus Monsterlimousinen winkten. Wohl auch eine Folge der Weltwirtschaftskrise.

Daran kann und will die junge britische Rapperin Speech Debelle sicherlich wenig ändern. Stattdessen gibt sie dem Genre mit ihrer Musik ein Stückchen Würde zurück. Sie sendet etwas, dass man bei einem HipHop-Konzert am allerwenigsten erwarten würde: Bescheidenheit und Demut. In T-Shirt und Trainingshose betritt sie am Sonntagabend die Bühne im Festsaal Kreuzberg, ihre Musiker an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Keyboard sind blutjung und wirken sympathisch verschmitzt. Und obwohl die Londonerin Speech Debelle mit ihrem Debütalbum "Speech Therapy", das ihr 2009 unter anderem den begehrten Mercury Music Award einbrachte, in Kritikerkreisen als HipHop-Hoffnung gefeiert wird, spürt man bei ihr die Nervosität einer Newcomerin.

Ihr aktuelles Album "Freedom Of Speech" wirbt für genau dies: Redefreiheit und damit verbunden eine Kapitalismuskritik, die sich ausnahmsweise einmal nicht in intellektuellem Dünkel suhlt, sondern sich aus sehr konkreten, persönlichen Erfahrungen speist. Auf dem Cover von "Freedom Of Speech" reckt die Künstlerin ihren Arm gen Himmel wie die Statue Of Liberty, nur dass im Hintergrund statt Manhattan britische Industriebrache wartet. Ganz so engagiert politisch geht es an diesem Abend jedoch nicht zu. Selbst die eindeutigen Botschaften "Live For The Message" und "Blaze Up A Fire" mit Duettpartner Roots Manuva bleiben eher allgemein und gewähren der Musik den Vorrang. In "Better Days" wird deutlich, wie raffiniert Speech Debelle ihre Songs arrangiert, die oft mehr auf eingängigen Gitarren-, Bass- und Keyboardharmonien fußen als - HipHop-üblich - auf Rhythmen. Den verhalten groovenden Reggae "Shawshank Redemption" überführen die Musiker mühelos in 2Pacs "Changes". Im düster wabernden "Sun Dog" taut die Band endlich richtig auf, während Speech Debelle ihre Geschichte energisch erzählt, singt, rezitiert, barmt, fleht. Dazu schwingt sie schließlich doch noch ihren Arm empor. Und dann, nach knapp einer Stunde, als sich die Publikumseuphorie gerade Bahn brechen will, ist Schluss. Einfach so, ohne viel Tamtam und große Gesten.

Speech Debelle schafft es, zum Nachdenken anzuregen, ohne zu predigen. Von all den famos unbequemen Gedanken drängt sich einer besonders auf: Würde nur die Hälfte aller Rocksänger so singen, wie Speech Debelle rappt - diese Popwelt wäre eine bessere. Wahrhaftig, klug, uneitel und verletzlich klingen ihre Anti-Liebeslieder, die auch als Working-Class-Dramen funktionieren.