Vortrag

Computer-Guru gegen Computer

David Gelernter war die meiste Zeit ein verlässlicher Prophet. Vor 21 Jahren sah er mit seinem Buch "Mirror Worlds" sehr überzeugend in die Zukunft. Er sagte das Zeitalter von Digital Natives voraus, die sich wie selbstverständlich in einem digitalen Abbild der Gesellschaft bewegen, einkaufen, kommunizieren.

Gelernter entwickelte mit seiner Programmiersprache Linda schon Mitte der Achtziger die Grundlage des Cloud-Computings. Linda, die nach der Pornodarstellerin Linda Lovelace benannt wurde, ermöglichte das sogenannte verteilte Rechnen. Eine Anwendung konnte nun von mehreren dezentralen Prozessen vorangetrieben werden. 1993 schickte der Unabomber Gelernter eine Briefbombe. Das rechte Auge und die rechte Hand trugen irreparablen Schaden davon. Heute trägt er deshalb einen schwarzen Handschuh.

Und ausgerechnet der Visionär Gelernter, der für seine Ideen so heftig einstand, der noch heute Professor für Computerwissenschaft in Yale ist, hält an einem Sonntag-Vormittag einen Vortrag mit dem Thema "Anti-computing and the Anti-Web: Remembering how to read". Die Damen müssen sich die ergrauten Haare extra frisch gefärbt haben, so perfekt strahlen die im Schummerlicht des Foyer des Renaissance-Theaters. Während Jogger die Straßen abrennen, bringen die Herrschaften mit Kaffee den Kreislauf in Schwung. Als die Glocke bimmelt, noch einen letzten Schluck, dann geht es in kleinen Schritten in den Saal. Manfred Lahnstein, der war ganz früher mal Finanzminister unter Schmidt und später auch Wirtschaftsminister, gibt die launige Einführung.

David Gelernter strahlt mit seinen 56 Jahren eine spitzbübische Jugendlichkeit aus. Er hat apfelrunde Bäckchen, grinst und redet ein breites Amerikanisch. Auf der rosa Krawatte springen weiße Pünktchen hin und her. Das Gesagte unterstreicht er nur mit der linken Hand, die versehrte Hand bleibt hinter dem schwarzen Rednerpult verborgen. Und plötzlich knallt er einem den ersten Schuss vor den Bug: "Virtuelle Wörter sind Wegwerf-Wörter", sagt er tatsächlich. Und: Sie stellen eine Gefahr für das vernünftige Lesen und Schreiben dar. Auch wieder zustimmendes Nicken. Bücher schmeiße man nicht weg, man solle sich auch an die Bücherverbrennungen erinnern, aber so ein PDF sei schnell gelöscht. Auch könne man ein sehr altes Buch noch lesen, aber einen zweitausend Jahre alten Computer booten? Gelächter.

Gelernter, und das tut wirklich weh, dass so ein kluger Mann so einen Fehler macht, verwechselt hier Medium und Inhalt. Das Objekt Buch vergilbt genauso wie ein Computer veraltet. Sprachen und Schriften ändern sich. Wer kann heute von sich behaupten, die Schedel'sche Weltchronik in der Originalausgabe lesen zu können? Zur Veranschaulichung seines Vortrages bedient Gelernter übrigens einen Computer. Mit einem Beamer zeigt er Grafiken und digitale Wörter. Passend zum nahenden Frühling fliegt am Ende auch ein selbst gepinselter Schmetterling über die Leinwand.