"The Artist"

"Das ist kein alter Film"

Ein französischer Film als haushoher Favorit für den Oscar, das gab es noch nie. Ein Stummfilm, der die Welt bezaubert, das hat zuletzt Chaplin geschafft. Doch dieser Tage vereint "The Artist" das doppelt Unmögliche. Deshalb, einen Tag vor seinem vielleicht größten Triumph bei den Academy Awards, ein Gespräch mit dem Regisseur Michel Hazanavicius. Anke Sterneborg hat ihn getroffen.

Berliner Morgenpost: Ihre "Classe Américaine" treibt ein subversives Spiel mit dem klassischen Warner Bros.-Stil, in Ihren "OSS 117"-Filmen nehmen Sie die Agentenfilme der Sechziger aufs Korn. Nun ein Stummfilm: Misstrauen Sie der Gegenwart?

Michel Hazanavicius: Ich vertraue der Gegenwart, wie könnte ich sonst vier Kinder haben? Ich bin also schon dumm genug, an die Gegenwart zu glauben, und sogar an die Zukunft! Ja, es stimmt, dass diese vier Filme auf die Vergangenheit schauen, sie benutzen die Arbeit anderer Menschen. Und das ist etwas, das man weniger von Filmemachern kennt, als von Malern oder Musikern, die sich häufiger auf Motive von Kollegen beziehen, sie variieren, auf sie reagieren.

Berliner Morgenpost: Die Art, wie Sie die Palette gereinigt und die Möglichkeiten des Erzählens eingeschränkt haben, erinnert ein wenig an die Dogma-Regisseure.

Michel Hazanavicius: Es ist wirklich sehr befreiend, mit Beschränkungen zu arbeiten, es zwingt einen dazu, einen individuellen, persönlichen Weg zu finden. Ohne Probleme, bleibe ich auf den eingefahrenen Wegen, meinen wirklich eigenen Weg finde ich erst, wenn ich auf Hindernisse stoße. Mir war es ein echtes Bedürfnis, einen Stummfilm zu machen, gerade weil es so eine große Herausforderung ist.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass sich dadurch auch Ihr Herangehen an Tonfilme ändert?

Michel Hazanavicius: Ich hoffe schon, ich bewundere die klassischen Regisseure, die meisten meiner Vorbilder kommen aus der Stummfilmzeit. Ihre Art, Geschichten zu erzählen, ist sehr visuell, und das ist auch für die Dialoge besser, die ja eigentlich nur das vermitteln sollten, was die Bilder nicht leisten können. Schauen Sie Hitchcock an! Die Geschichte wird mit Bildern erzählt, seine Dialoge sind ausgesprochen subversiv, da geht es immer um etwas anderes als in der Geschichte, und das hat er aus der Stummfilmzeit übernommen, wie John Ford, Sternberg, Lubitsch. Eine Menge großer Regisseure kommt aus dieser Schule, und wenn man die Geschichte über die Bilder erzählt, schafft man Raum für die Schauspieler und die Dialoge, es macht den Film sehr viel reicher. Ich hoffe sehr, dass diese Übung meine anderen Filme verändert!

Berliner Morgenpost: So sind nicht nur die Schauspieler, sondern auch Sie in eine Rolle geschlüpft, die eines Stummfilmregisseurs aus den Zwanzigen?

Michel Hazanavicius: Ja und nein, ich habe schon versucht, einen modernen Film zu machen. Es gibt ein Bewusstsein davon, dass der Film stumm ist, er spielt damit. Man muss sich ja vergegenwärtigen, dass damals keine Stummfilme gedreht wurden, sondern Filme. Es, war niemandem klar, dass sie stumm waren, sie hatten keine Wahl. Also habe ich gar nicht versucht, einen Stummfilm zu fälschen, sondern einen modernen Film in diesem Format gedreht. Wenn man von einem schwarzweißen Stummfilm spricht, gehen die Leute davon aus, dass es ein alter Film ist. Doch das stimmt nicht, alt ist er nicht wegen des Formats, sondern weil er in den Zwanzigern entstanden ist.

Berliner Morgenpost: Sie sagen, dass den Regisseuren damals nicht klar war, dass sie Stummfilme drehen, dito den Schauspielern: Wie haben Sie die angeleitet?

Michel Hazanavicius: Sie sollten einfach nur spielen. Ich habe schon das Drehbuch so geschrieben, dass es von ihnen keine Pantomime verlangt. Hätten wir einen Tonfilm gemacht, wäre die Vorbereitung nicht anders gewesen. Sie mussten herausfinden, wie sich die Menschen damals bewegt haben. Die meisten Leute denken irrtümlich, dass es eine stumme Art des Spielens gibt. Meines Erachtens sind einfach nur die Codes des Spielens in den Zwanziger Jahren ganz anders als heute, aber sie ähneln denen der dreißiger Jahre. Schauen Sie "King Kong" an, da spielen sie noch wie im Stummfilm, mit all den Stilisierungen und großen Gesten.

Berliner Morgenpost: Was ist mit dem "Zappeleffekt" von Stummfilmen?

Michel Hazanavicius: Ein bisschen habe ich den Schauspielern zu helfen versucht, indem ich mit 22 Bildern pro Sekunde gedreht habe statt mit 25. Das bewirkt eine leichte Beschleunigung, die so einen Zwanziger-Flair hat, weil wir die Darsteller dieser Zeit so wahrnehmen. Ansonsten habe ich sie gebeten, ganz natürlich zu spielen. Es wäre sehr viel schwerer, einen Stummfilm mit jemandem wie Steve McQueen zu drehen, der mit echtem Pokerface spielt. Wenn man da den Ton abstellt, hat man keine Ahnung, was er sagt. Bei einem Schauspieler wie John Goodman dagegen zeichnet sich alles, was er denkt oder sagt auf dem Gesicht und im Körper ab - das passt perfekt zu einem Stummfilm!

Berliner Morgenpost: Sie sind nach Amerika gegangen, um tatsächlich in den Paramount- und Warner-Studios zu drehen...

Michel Hazanavicius: Für mich war der berührendste Teil des ganzen Produktionsprozesses die Locationsuche! Ich liebe Kinotouren! Wir waren an den unglaublichsten Orten, in Charlie Chaplins Büro, in seinem Studio, in Mack Sennetts Keystone-Studios, in Douglas Fairbanks' Studio ... Peppy Millers Haus im Film ist das Haus von Mary Pickford, mit ihrem echten Bett! Die große Villa von Norma Desmond in Sunset Boulevard wurde abgerissen, das Einzige was erhalten blieb, ist ein Brunnen, den ein Mann kurz vor dem Abriss gekauft hatte, den haben wir in einem Haus in Pasadena gefunden. Es war unglaublich berührend und beflügelnd, das alles zu sehen. Das sind Momente, die einen ganz unmittelbar in diese Zeit versetzen, in diese andere Realität!