Boris Mikhailov

An den Rändern des Lebens

Lenin trägt Lippenstift und Breschnew hat auch ganz purpurne Lippen. So haben wir die beiden Kommunisten noch nie gesehen. Die Orden sind pink, die Luftballons, die sie umschweben, bleu. Das kommunistische Pathos der großen staatstragenden Paraden wird durch diese bonbonfarbige Farbigkeit zuckrig-süß unterhöhlt.

Boris Mikhailov, der Andy Warhol der Ukraine. Dieses malerisch-surreale Verfahren hatte einen simplen Grund: Zu Sowjetzeiten waren Farbfilme Mangelware, der Fotograf Mikhailov kolorierte also manuell. "Mein Sowjet-Tagebuch", so nennt er seine Reihe heute. Abzeichen, Banner, Schärpen. Dazu gehört auch seine "Rote Serie", dort taucht er alles in Rot, kompromisslos. Rot, Farbe der Liebe, Farbe des Kommunismus. Aber auch der russische Alltag ist rot. Tische, Mäntel, Straßenbahnen. Das Rot frisst die Revolution.

Geld für Obdachlose

Die Berlinische Galerie präsentiert nun die erste umfassende Ausstellung Mikhailovs, und das Wunderbare daran ist, dass die Schau "Time is out of joint. Fotografien 1966 - 2003" zeigt, in welcher verblüffenden Bandbreite der ukrainische Künstler über die Jahrzehnte gearbeitet hat. Die Ausstellung folgt den ästhetischen Linien in großen Schwüngen, setzt große Formate neben kleine, Grelles neben Dunkles, Witz neben Melancholie, Abgründigkeit neben schillernde Überblendung. Dokumentation und Fiktion sind die Pole seiner Arbeit.

Die sepiafarbene Serie mit dem ungewöhnlichen Titel "Krimetischer Snobismus" stellt Anfang der Achtziger die Badefreuden westlicher Dekadenz nach. Ein Heidenspaß muss es für Mikhailov und seine Freunde gewesen sein, diese kleinen Szenerien in einem Badeort am Schwarzen Meer nachzustellen. Im 19. Jahrhundert war dieser Ort Rückzugsidylle für russische Intellektuelle. Bei Mikhailov allerdings sitzen die Badehosen nicht ideal, alles ein wenig schräg und aus der Facon geraten, genau das ist der minimale, subversive Bruch, mit dem er arbeitet.

Mikhailov macht es seinem Publikum nicht unbedingt leicht. Seine zweifellos bekanntesten Fotografien aus den späten Neunzigern, seine gnadenlose "Case History", die Krankengeschichten, sind alles andere als schön. Obdachlose unter sich, am äußersten Rand der Gesellschaft. Wodka, Kippen, Dreck. Hier ist nichts heil, weder Körper noch Sozialstruktur. Die böse Fratze des Postsozialismus glotzt uns entgegen. Eigentlich mag man kaum hinschauen, weil es bei Mikhailov vor allem der Körper ist, der in seiner kruden Deformation die Kaputtheit eines ganzen Volks-Körpers spiegelt. Wunden, Narben, Nähte. Ein Land im freien Fall - eine russische Passionsgeschichte mit dokumentarischen Mitteln.

Mikhailov musste sich bei diesen Aufnahmen den Vorwurf der Sozialpornografie gefallen lassen. Für jedes Bild bot er "seinen" Obdachlosen Geld an, erzählt er. Geld gegen Geschichte - das kam nicht überall gut an.

Diese Serie ist zudem noch in anderer Hinsicht interessant. Zu Sowjetzeiten geriet derjenige unter Verdacht, der Leute auf der Straße fotografierte. Spionage! Und wer sich oder seine Familie nackt ablichtete, stand wiederum unter Pornografie-Verdacht. Die Freiheit des Künstlers formuliert sich in eben dieser robusten Intimität.

Darüber, wie erfolgreich der Mann aus der Ukraine heute ist, braucht man nicht zu streiten. Seine Ausstellungsvita reicht von Museen in Amsterdam über Boston bis Zürich. Biennale & Manifesta, alles dabei. Zahlreiche Auszeichnungen sind auch dabei. Seine Fotokunst gehört zu den interessantesten Positionen der Gegenwart. Über zwanzig Jahre nach der Wende schärfen seine Fotos noch einmal den Blick auf Vergangenes. Doch nicht einmal mehr die auf der Wäscheleine im Wind flatternden Nylonstrumpfhosen vermitteln noch so etwas wie Ostalgie.

1996 kam Mikhailov über ein DAAD-Stipendium nach Berlin, seitdem pendelt er zwischen seiner ukrainischen Heimatstadt Charkow und hier, in Wilmersdorf hat er sein Studio, in Schöneberg seine Wohnung. "Mehr und mehr" bleibe er in Berlin, erzählt er. Ein Visum hat der Künstler längst. Er spricht nicht gut Englisch, so ist er etwas scheu, als er etwas zu seiner Arbeit sagen soll. Denn eigentlich möchte er die Dinge ebenso präzise formulieren, wie es das in seinen Fotos macht. Hier in Berlin sei die Situation stabiler, er könne konzentrierter arbeiten als in Russland, wo vieles im Umbruch sei, sich ständig ändere, "die Moral und auch die Ästhetik". Seine Ästhetik entstand einst aus Reibung am versteinerten Regime.

Bildergeschichte über den KGB

In den Bestand der Berlinischen Galerie gehören acht Arbeiten aus den "Krankengeschichten", dazu kommen vier Arbeiten aus der Serie "In der Straße". Eine Begegnung mit typischen Berlinern. Ältere Paare, wie man sie gerne im alten Westen trifft, oben am Kudamm, Blouson, toupierte Haare. Über Berliner Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Wüsste man nicht, dass diese Fotos erst vor wenigen Jahren entstanden, würde man sie flott in die frühen Achtziger einsortieren.

Vor über zehn Jahren fing Mikhailov mit diesem Langzeitprojekt an, Orte des Übergang, die interessieren ihn. Baustellen, Imbisswagen, Flohmärkte. Berlin ist schließlich keine heile Stadt. Auch in diesen Bildern taucht wieder jede Menge Rot auf. Aber es ist nicht das flammende Rot des Aufbruchs, sondern das verblichene Rot des Schäbigen. Mikhailov operiert auch in der deutschen Hauptstadt mal wieder am offenen Herzen der Gesellschaft.

Zur Fotografie gekommen ist Mikhailov als ausgebildeter Ingenieur eigentlich durch einen skurrilen Zufall - und den KGB. Der Geheimdienst entdeckte im Labor seines Arbeitgebers Aktfotos, die den Schnüfflern zu pornografisch schienen und als verdorbener Ausdruck lustvoller westlicher Dekadenz nicht tragbar waren. Boris Mikhailov flog raus aus der Fabrik, fortan versuchte er autodidaktisch mit der Fotografie seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Der KGB indes ist noch lange nicht vergessen, in seiner neuesten Arbeit stellt der 73-Jährige eine bizarre Bildergeschichte mit Szenen der Machenschaften des Geheimdienstes nach. Die Aufnahmen wurden in Charkov gemacht, da gibt's noch Brachen. Seine Freunde waren auch diesmal wieder dabei - Kalter Krieg in historischen Kostümen und allem drum und dran. Die Vergangenheit ist halt immer präsent. Genauso wie in Berlin.