Film

Unter einem Gullydeckel den Holocaust überlebt

Ist Gras darüber gewachsen? Krystyna Chiger, einer Dame mit buntem Halstuch und glattem dunklem Haar, sieht man nicht an, dass sie Jahrgang 1935 ist. Sie spricht ruhig, fährt nur hin und wieder langsam mit der Hand durch die Luft. Ihre Lebensgeschichte hat ein kleines Trauma hinterlassen wie bei vielen.

In ihrem Fall: die Angst vor dem Plätschern des Regens. Aber wer ihre Geschichte auf der Leinwand gesehen hat, der weiß: Darüber wächst so schnell kein Gras.

Krystyna Chiger hat Modell gestanden für eine der Figuren eines neuen Films. In deutschen Kinos läuft er unter dem englischen Titel "In Darkness". Am Sonntag könnte dieses Werk der polnische Regisseurin Agnieszka Holland einen Oscar gewinnen. Doch noch sind wir hier, in Ostmitteleuropa, wo der Film spielt. Wir sind im "Haus der Begegnungen mit der Geschichte" in Warschau, wo Schicksale dokumentiert werden: in Bildern, in Worten, in Tränen.

Krystyna Chiger, die hier zu Gast ist, erlebte den Kriegsbeginn als Kind in Lemberg , das heute Lwiw heißt und in der Ukraine liegt. "Wir hatten eine schöne Wohnung, unsere Familie hatte ein Textilgeschäft", erzählt Frau Chiger. Eine wohlhabende jüdische Familie, polnischsprachig wie die Oberschicht der Stadt. Auch wenn die k.u.k. Monarchie das Zeitliche gesegnet hatte: Großmutter fuhr immer noch zum Einkaufen nach Wien. Im Herbst 1939 war Schluss. Die Sowjets besetzten Ostgalizien. Die Familie verlor ihr Geschäft. "Das einzige, was uns blieb, war der Schlüssel." Zwei Jahre später kamen die Deutschen. "Sie transportierten unseren Flügel ab. Sie packten ihn in eine Decke, damit er keine Kratzer bekam."

Dann ging es immer schneller. Im November 1941 wurden die Juden in ein Getto gepfercht. Als es 1943 an die Auflösung des Gettos ging, blieb nur die Kanalisation zur Rettung vor der Hölle. Man habe ja gewusst, sagt die Überlebende, dass die Abwasserkanäle gut konstruiert waren.

Ein Faktor fehlte noch bei diesem Wunder: ein Mensch. Krystyna Chiger spricht diesen Satz mit Andacht: "Sein Name war Leopold Socha." Der Vater sei ihm bei der verzweifelten Erkundung der Kanäle begegnet. Leopold, ein Kanalarbeiter und Ganove, kannte dieses Schattenreich. "Er grinste von einem Ohr zum anderen, nachdem er gesehen hatte, wie Mama, mein Bruder und ich in unserem Versteck saßen wie eine Glucke mit ihren Küken." Dieser Socha habe dann angeboten, sie zu retten.

Vater hatte Geld mitgenommen unter die Erde. "Für 500 Zloty sollte Socha Essen kaufen. Das Geschäft lief, Woche für Woche, Monat um Monat. Man kochte Brei auf einem Primuskocher, erinnert sich Krystyna, und Vater las im Schein einer Karbidlampe die Zeitungen, die Socha mitbrachte. Zwanzig Juden waren es anfangs, die dort unten ausharrten. Mit der Zeit hielten es manche nicht mehr aus. Am Ende waren es zehn.

Einmal drohten heftige Regenfälle ihr Leben zu beenden; daher Krystynas fortdauernde Angst. Noch eine Gefahr drohte. Man musste Socha sagen, dass das Geld alle war. Socha ging weg. Am nächsten Tag kam er wieder: "Ich habe begonnen, und ich führe das zu Ende." Der Film hat ein Happy-End. Und die Wirklichkeit? Lemberg wurde sowjetisch. Socha wurde vertrieben: nach Gleiwitz in Oberschlesien. Dort überfuhr ihn 1946 ein Lastwagen der Sowjetarmee. Krystyna Chiger lebt heute in Amerika. Sie ist kürzlich in Lemberg gewesen und fand dort den Gullydeckel wieder, unter dem sie überlebte.