Konzert

Kuscheln im Berghain: "Future Islands" in Berlin

Der Sänger Sam T. Herring kennt zum Glück das deutsche Magazin "Stern" nicht. Daher weiß er nicht, dass er mit seiner Band "Future Islands" in einem Club auftritt, in dem laut der aktuellen Ausgabe Menschen "28 Stunden durchfeiern", "schnellen Sex" suchen und junge Frauen dabei hysterisch "Miau" rufen.

Puh... Der Club Berghain (Sam nennt ihn "Börgheen") ist eben ein Sehnsuchtsort, in dem am Donnerstagabend rund 700 Gäste einem Sänger lauschen, der ihnen "Glaubt ihr an die Liebe?" oder "Ich würde dich in meinem Herzen begraben!" zuruft. Die drei von "Future Islands" aus Baltimore haben mit "On The Water" soeben ihr drittes Album veröffentlicht und sind damit vollends im Independent-Bereich etabliert. Vor drei Jahren traten sie erstmals in Berlin auf - im "Schokoladen", der jetzt gegen die Zwangsräumung kämpft. Aber das (ausverkaufte) Berghain passt - soviel ist jetzt klar - auch sehr gut zum kräftigen Elektro-Pop von "Future Islands".

Während Sam Balladen wie "Where I found you" oder "Grease" singt, kuscheln sich die Mittzwanziger aneinander, und wenn er bei den Hits "Tin Man" oder "Long Flight" die ganze Bühne tanzend einnimmt, bis sich überall Schweißflecken bilden, hat er neue Fans hinzugewonnen. Nebenbei spielt er mit seiner rechten Hand Pantomime: Er nimmt einen imaginären Wurm aus seinem Mund und beißt ihm den Kopf ab. Seine Stimme schafft einen beeindruckenden Spagat zwischen Grace Jones und Joe Cocker, der Sound erinnert manchmal an "Frankie goes to Hollywood". Aber das kann an den Drei-Meter-Boxen liegen, bei denen schnell Stadion-Atmosphäre aufkommt. Nach zwei Stunden und drei Zugaben bedankt sich Sam und sagt, dass er sich bei soviel Freundlichkeit "europäisch" fühle. Bevor sie gehen, nehmen einige Fans noch Berghain-Streichhölzer mit, zur Erinnerung an ihrem Abend im "berühmtesten Club der Welt". Auf ihrer Hand haben sie einen Stempel mit nur einem Wort: "Drin."