Bar Babette

Zischt der Espresso, oder ist das Teil der Performance?

Der Sammler ist aufgeregt. Sein schneller Herzschlag pocht durch das gepunktete Hemd. Die Aufregung in der Bar Babette gegenüber vom Kino International, könnte man meinen, gehe einzig und allein von seinem Organ aus.

Vom Geländer der Galerie hängt ein Farbwasserfall herab. Es ist ein Bild von Oliver Lanz, das üblicherweise vor Dirk Nümanns Philosophie-Regal steht. Nümann ist Buchhändler und Kunstsammler. Die Bücher und das Bild stünden in einem ganz guten Dialog miteinander, lässt er durchblicken. Mit dem beeindruckenden Backenbart hat er etwas Verwegenes. In einem gläsernen Kommunisten-Kasten an der Karl-Marx-Allee zeigt er ungesehene Werke von Lanz und Lochkamerafotografien sowie eine Performance mit den Namen "Burqamaschinen" von Chris Dreier.

Aber oben wird schon aufgebaut. Ob das eine Installation, ein Theater oder eine Performance wird, sei schwer zu sagen. Zwar durfte Nümann bei den Proben zugegen sein, doch Chris Dreier hasse es, sich zu wiederholen. Bei früheren Veranstaltungen haben die Akteure selber auch gar keine Burkas getragen. Marionetten wurden in das alles bedeckende Kleidungsstück gesteckt und ferngesteuert.

Dreier war mal in der Künstlergruppe Die tödliche Doris, Anfang der Achtziger. Das waren Studenten, die mit Video, Musik, Fotografie die wilde Untergrund-Avantgarde West-Berlins verkörperten. Sie haben früh elektronisch experimentiert. Damals gab es nicht Heißeres.

Es ist noch ein bisschen Zeit, bis die Performance beginnt. Nümann steht vor "Aufwärts". Mit den Fingern fährt er über das Bild mit der Karte, die von Partituren verdeckt ist. Farbschleier tanzen darüber. Stockhausen-Noten erklingen auf dem Globus. Der Sammler ist begeistert von dieser Art der Weltvermessung. Lanz, das sagt er mit trockenem Mund, könne ja nur rudimentär Noten lesen. Die Musik, die Formen stünden hier auch in einem Dialog. Nümann scheint gerne Dingen Sprache einzuhauchen.

Vorbei an den Lochkamerafotografien, vorbei an den verlassenen Pubs, die sie zeigen. Der Sammler verabschiedet sich, hoch erfreut, einen Einblick in seine Welt ermöglicht zu haben. Ein Bier spendiere er selbstverständlich, aber nicht, dass da falsche Verdächtigungen aufkämen, er käme aus Osnabrück, und da höre man ja so einiges. Das Bier sei wirklich an keine Bedingungen geknüpft. Und dann beginnen die Funksprüche. Knister-Knack-Kaskaden. Zischend wird noch ein letzter Espresso druckgebrüht, könnte aber auch Teil der Performance sein. Oben auf der Galerie haben Chris Dreier und ihre Kameradin Ursula Döbereiner auf dem Boden Platz genommen. Das Knacken und Knistern, das sind die beiden da. Sie drehen mal an dem einen, mal an dem anderen Knopf. Vielleicht sind das Schüsse im Hintergrund. Aus den verdeckten Türrahmen drängen vier Burka-Träger oder Trägerinnen. Wer weiß schon, was darunter steckt. Zwei schwarze, zwei weiße sind es jedenfalls, als könne man sich nicht entscheiden, ob der Abend nun eine Hochzeit oder eine Beerdigung sein soll. Ein Dichter liest dazu unverständliche Wortfetzen. Mehr dringt durch den Orkan nicht hindurch. Das Stroboskop lässt die Burkas verlangsamt vorbeiziehen. Sie verschwinden wieder in den offenen Türen. Eine hohlwangige Blondine um die 50 stolpert mit mohn-verdrehten Augen in eine Gruppe Sekttrinker. Langsam holt einen das Brummen der Straße zurück in die Karl-Marx-Allee.