Frank Castorf

Der Unverzichtbare

Vorbei die Zeiten, als Verträge von Intendanten noch öffentlich unterzeichnet wurden. Da unterschrieben dann der Regierende Bürgermeister und amtierende Kultursenator Klaus Wowereit und der entsprechende Kandidat den in einer schmucken Ledermappe mit rotweißem Bändchen liegenden Kontrakt im Kreise von Kulturjournalisten.

Wowereit pflegte einen lockeren Spruch zu machen. Es gab Sekt für die beiden Vertragspartner und Nachfragen waren erwünscht. Gestern nun teilte die Senatskulturverwaltung per E-Mail mit, dass Volksbühnen-Chef Frank Castorf "seinen 2013 auslaufenden Intendantenvertrag um weitere drei Jahre verlängern wird". Einschließlich der begründenden Worte des Regierenden Bürgermeisters besteht das Schreiben aus fünf Sätzen.

Natürlich liegt das auch daran, dass Frank Castorf ein alter Bekannter ist. Ein sehr alter. Er leitet das Haus seit 1992. Damals hieß es, entweder werde die Volksbühne unter seiner Leitung berühmt - oder tot. Beides ist eingetreten. Aber Castorf hat es rechtzeitig zur anstehenden Vertragsverhandlung geschafft, das zwischenzeitlich schwer in die Krise geratene Haus wieder zu beleben.

Nibelungen-Treue

Deshalb hat zuletzt auch niemand daran gezweifelt, dass Castorfs Vertrag erneut verlängert wird. Auch, weil die beiden maßgeblichen Herren, neben Wowereit ist das Kulturstaatssekretär André Schmitz, den 60-jährigen Theatermann sehr schätzen. Sie standen zu ihm in guten wie in schlechten Zeiten, man kann angesichts von Castorfs im kommenden Jahr anstehender Bayreuther "Ring"-Inszenierung bei den Wagner-Festspielen von einer Nibelungen-Treue sprechen. Wowereit und Schmitz nahmen ihn stets in Schutz gegenüber Journalisten, die Castorf als künstlerisch ausgebrannt und das Theater angesichts der häufig wechselnden Chefdramaturgen und Auflösungserscheinungen im Ensemble als ideen- und führungslos beschrieben. Auf "meinen Frank lass' ich nichts kommen", pflegte Schmitz, der die Anfänge von Castorf an der Volksbühne als Verwaltungsdirektor hautnah erlebt hat, im kleinen Kreis zu sagen.

Die Verlängerung zeugt auch von einem würdevollen Umgang, der in der Politik nicht selbstverständlich ist. Den Ausnahmekünstler Castorf drei Jahre vor Erreichen des Rentenalters schnöde vom Volksbühnen-Hof zu jagen, das hätten die beiden Politiker auch nicht übers Herz gebracht. Und Castorf ist den beiden entgegengekommen. Indem er zwei vertragsverlängerte Argumente lieferte: Die Übernahme des Jahrhundert-Rings bei den Bayreuther Festspielen trotz kurzer Vorbereitungszeit infolge von diversen Regisseurs-Absagen und die Besinnung auf bewährte Regiekonzepte.

Den Wendepunkt, also den Rückgriff auf die ästhetischen Mittel, die ihn zu einem der wichtigsten Regisseure des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert gemacht haben, kann man ziemlich genau markieren: Es war seine Inszenierung "Nach Moskau! Nach Moskau!", die im Mai 2010 das Tschechow-Festival in der russischen Hauptstadt eröffnete. Castorf, der von Berlin mitunter etwas gelangweilt ist, wie er in der vergangenen Woche in einem Morgenpost-Interview sagte, weil hier die Claims abgesteckt sind und alles so eingefahren ist, empfand den Regie-Ausflug nach Moskau als Herausforderung. Er holte die Videokamera wieder raus, der er zwischenzeitlich abgeschworen hatte, weil mittlerweile auf jeder Provinzbühne die Castorf-Ästhetik betrachtet werden kann, und einige Stars aus legendären Volksbühnenzeiten wie Kathrin Angerer und Milan Peschel zurück auf die Bühne. Die Methode funktionierte, zuletzt beim "Spieler", der nicht nur wegen des Autors (Dramatisierungen von Dostojewski-Romanen waren Castorfs größte Erfolge) an die herausragende "Der Idiot"-Inszenierung erinnerte, die seinerzeit mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet wurde.

Aber nicht nur der Hausherr, auch das Haus wirkt mittlerweile wieder besser aufgestellt. Mit René Pollesch und Herbert Fritsch (ein ehemaliger Castorf-Schauspieler) hat der Intendant zwei Regisseure an die Volksbühne gebunden, die für eine andere, neue Regiehandschrift stehen. Das erweitert den Spielplan - und kommt zudem bei Kritikern und Publikum gleichermaßen gut an.

Ein klassischer Rentenvertrag

Erst in der vergangenen Woche wurden die beiden jüngsten Volksbühnen-Arbeiten von Pollesch und Fritsch zum Theatertreffen 2012 eingeladen, außerdem noch die "Borkman"-Inszenierung im Prater - allerdings keine Arbeit von Frank Castorf. Dem Kulturstaatsekretär Schmitz war das egal, er feierte am Freitag die Volksbühne - und bereitete mit dem Lob die Verkündung der Verlängerung schon mal vor.

Ein klassischer Rentenvertrag. Mit "dem Erreichen des 65. Lebensjahrs zum Ende der Spielzeit 2015/16" werde Castorf die Leitung der Volksbühne aufgeben, heißt es in Pressemitteilung. Also keine Verlängerung um fünf Jahre (das ist die klassische Länge), sondern "nur" um drei. Damit wollen die Herren Wowereit und Schmitz Kritikern etwas Wind aus den Segeln nehmen. Außerdem hat das den netten Nebeneffekt, dass ihnen die schwierige Suche nach einem Castorf-Nachfolger vorläufig erspart bleibt.

Aber eigentlich gönnt man es Frank Castorf. Er hat einen würdevollen Abgang, und das heißt in diesem Falle, der Künstler entscheidet selbst über seinen Rückzug - ebenso verdient wie der beim Publikum sehr erfolgreiche Kollege Claus Peymann, der das Berliner Ensemble auch schon recht lange leitet. Beide sind Dinosaurier: und die genießen unter Wowereit/Schmitz Bestandsschutz.