Kunstsache

Wenn Architekten auf die schiefe Bahn geraten

Wenn der Handwerker den Fußboden schief verlegt hat, dann ist man genervt. Und schiebt ein Stück gefaltetes Papier unter die Ecke des neuen Schranks. Warum, frage ich mich dann immer, kann die Welt nicht perfekt sein.

Also: gerade. In der Ausstellung bei Esther Schipper, ist mir jedoch aufgefallen, dass das Problem vielleicht bei mir liegt. Claude Parent zum Beispiel hat die Entdeckung seines Lebens gemacht, als er Weltkriegsbunker an der Atlantikküste besichtigte, die zum Teil schräg in den Erdboden versunken waren. Der französische Architekt betrat einen dieser Betonklötze und geriet auf die schiefe Bahn, weil er Wände und Boden durch die extreme Neigung nicht mehr auseinanderhalten konnte. Danach wollte nicht mehr im rechten Winkel bauen. Leider konnte Parent seine Position mangels Kundeninteresse nicht konsequent durchhalten. Und doch zeigt die Ausstellung bei Schipper, wie er seine Theorie in Entwurfskizzen weiterentwickelte: Ein Bogen aus Glas wölbt sich über einem lebensfeindlich steilen Hang. Mehrere wabenähnlichen Gebilde verbinden sich zu einem Wohnkomplex. In einem Katalog kann man Fotos aus einem realisierten Parent-Entwurf anschauen. Menschen liegen auf Teppichen auf einer ziemlich schiefen Ebene. Ich fand, dass es etwas ungemütlich aussah. Aber die Moderne ist ja auch kein Kuschelkissen. (Bis 3. März, Schöneberger Ufer 65, Schöneberg)

Über Fragen der Architektur dachte ich auch nach, als ich anschließend die Ausstellung "Redial" von Gerwald Rockenschaub besuchte. Die weißen Bilder mit den bunten und zumeist abstrakten Formen, die in der Galerie Mehdi Chouakri auf der Wand hängen, waren an einem anderen Ort einst Teil der Wand. Im Kunstmuseum Wolfsburg beklebte der österreichische Künstler im vergangenen Jahr zwei elf Meter hohe Rigips-Wände mit 385 stilisierten Bildsymbolen aus farbiger Folie . Manche waren rätselhaft, andere leicht lesbar. Als die Wände am Ende der Ausstellung vernichtet werden sollten, wählte der Künstler zehn Ausschnitte aus, die er rettete. Nun hängen sie bei Mehdi Chouakri und locken die Kunden als attraktive abstrakte Kompositionen, weil Rockenschaub von den meisten Bildfiguren nur Bruchstücke überleben ließ. Da der Künstler mit seinen Werken den Auf- und Abbauprozess einer Museumsausstellung thematisiert, könnte man sie vielleicht als Institutionskritik verstehen Andererseits ist diese Nachvermarktung der eigenen Bilder auch ein ziemlich cleverer Geschäftskniff. (Bis 25. Februar, Schlegelstraße 26, Mitte)

Eine merkwürdig versponnene, fast lyrische Ausstellung hat die New Yorker Berlinerin Chloe Piene in der Galerie Barbara Thumm eingerichtet. Der Pressetext verweist auf ein romantisches Gedicht von Percy Bysshe Shelley, das von zwei einsamen Marmorbeinen erzählt, die im Sand der Wüste stehen. Das sei alles, was von der Statue des mächtigen Königs geblieben sei. Ähnliche Fragmente finden sich auch in Pienes Ausstellung: eine eiserne Hand steht auf dem Boden und streckt zwei Finger in die Höhe. Auf einer Holzkiste liegt die Wachsmaske eines Frauengesichts und daneben ein zweite Hand aus Metall, deren Finger aus Tentakeln bestehen. "Eiserne Frau", heißt Pienes Schau, was Assoziationen zur "Eisernen Jungfrau", einem mittelalterlichen Folterinstrument, zuließe. Doch mir erschien das Ganze eher wie die dreidimensionale Umsetzung eines surrealistischen Gemäldes. Meine eher undüsteren Gedanken mochten damit zu tun haben, dass Holzkiste und Fußboden mit großen Lachen getrocketen Gipses bedeckt waren, die mich an zerflossene Sahne erinnerten. Und da ich ein Fan bin, von allem, was mit Sahne zu tun hat, konnte ich der Ausstellung nur positive Seiten abgewinnen. (Bis 3. März, Markgrafenstraße 68, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien