Interview mit Vittorio und Paolo Taviani

"Wollt Ihr mal wieder weinen?"

Sie machen ihre Filme immer nur zusammen. Mit wechselnden Rollen. Der eine dreht, der andere schaut zu. Aber immer zu zweit. Auch Interviews geben die Brüder Vittorio und Paolo Taviani nur gemeinsam. Peter Beddies hat mit ihnen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Im Nachhinein klingt das nach einer großartigen Idee: Theater im Gefängnis. Und man fragt sich, wieso das nicht schon früher gemacht wurde.

Vittorio Taviani: Das ist sehr leicht erklärt. Der Aufwand, in einem Gefängnis zu filmen, ist riesengroß. Junge Filmer verlieren dabei sicher irgendwann die Geduld.

Paolo Taviani: Wenn ich mich recht erinnere, begann das ganze bei uns mit dem Hinweis einer guten Freundin.

Berliner Morgenpost: Die hat sie mit ins Gefängnis genommen?

Paolo Taviani: Ihre exakte Frage lautete: Wollt Ihr mal wieder weinen? Vor Rührung und vor Freude.

Vittorio Taviani: Wir fragten dann, wo und wie das möglich wäre. Sie erzählte uns von einer Theaterinszenierung im Hochsicherheitstrakt der römischen Strafanstalt Rebibba.

Berliner Morgenpost: Wurde da schon Shakespeare gegeben?

Paolo Taviani: Nein, es war "Die göttliche Komödie" von Dante. Was sehr treffend war, weil es sich ja dabei um eine Reisebeschreibung in die Hölle handelt.

Vittorio Taviani: So ähnlich haben wir das dann auch direkt vor Ort erlebt. Das wirkte echt, wie ein Stück, das in der Hölle spielt. Uns kam gleich im Anschluss der Gedanke, dass wird unser nächster Film.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Vittorio Taviani: Das kann ich Ihnen genau sagen: dass der Unterschied zwischen den trainierten Schauspielern und den Häftlingen, die sich als Mimen versuchen (und das mit Herzblut) nicht allzu groß war.

Paolo Taviani: Den Eindruck unserer Freundin fanden wir bestätigt. Wir waren emotional erschüttert, fanden viele Leute neben uns in Tränen aufgelöst.

Vittorio Taviani: Es gab außerdem einen unglaublichen Moment in dieser Inszenierung. Einer der Häftlinge konnte mitten im Stück nicht mehr an sich halten und weinte bitterlich. Er weinte, weil er seine Freundin wahrscheinlich nie mehr sehen würde und sie ihn wohl schon vergessen hatte. Das ging allen Zuschauern zu Herzen.

Berliner Morgenpost: Warum können die Häftlinge in Ihrem Film so viel mit Shakespeare anfangen?

Vittorio Taviani: Das haben sie uns gleich erzählt: Bei "Julius Cäsar" geht es um Lug, Trug, Ränkeschmiede und Mord. Aus dieser Erfahrungswelt kommen sie, die teils bis zum Lebensende einsitzen müssen.

Paolo Taviani: Wir denken bei Shakespeare sehr oft an die Kraft der Liebe und der Poesie. Aber der Dichter hatte offenbar auch eine dunkle Seite. Die Häftlinge haben uns davon berichtet, dass sie ohne Mühe den Text verstehen und sich zu eigen machen konnten. Und viele von ihnen haben keinen intellektuellen Hintergrund.