Renée Fleming

"Bei uns ist der Druck schon groß"

Erfolg ist, wenn man eine Vorstellung absagt und als Einspringerin Anna Netrebko kommt. So ging es Renée Fleming vor gut einem Jahr, als sie in Dresden das Silvesterkonzert singen sollte und ihr Flug Verspätung hatte.

Die Amerikanerin gehört zu den begehrtesten Sopranistinnen der Welt. Jetzt ist sie wieder in Europa zu erleben: In dieser Woche ist ihre neue CD mit französischen Kompositionen des 20. Jahrhunderts erschienen. Und sie singt in Baden-Baden die Hauptrolle in Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos", die gestern Premiere hatte. Lucas Wiegelmann hat sie getroffen

Berliner Morgenpost: Frau Fleming, die Welt trauert um Ihre Kollegin Whitney Houston. Wie gefährlich ist ein Leben für die Musik?

Renée Fleming: Im Pop ist es schwierig, mit zu viel Erfolg umzugehen. Für Frauen wie Whitney Houston, Mariah Carey oder Christina Aguilera gelten sehr hohe Ansprüche. Ich habe in letzter Zeit bei der Popmusik beobachtet, dass dort auch die Virtuosität immer wichtiger wird. Perfekte Gesangstechnik. Das Publikum erwartet von denen, genau wie von uns Opernsängern, die hohen, schwierigen Töne. Wenn man sich diesen Anforderungen nicht gewachsen fühlt, wird es gefährlich.

Berliner Morgenpost: Sie haben einiges mit Whitney Houston gemeinsam. Auch Sie werden in Amerika auf der Straße erkannt, Sie sind berühmt für Ihre Stimme und Ihr Aussehen, sind sehr vermögend. Trotzdem scheinen Opernsänger weniger gefährdet zu sein als Popstars. Warum?

Renée Fleming: Weil bei uns sehr lange Karrieren möglich sind, unser Publikum uns über einen längeren Zeitraum hinweg schätzt. Der Erfolg kommt meist noch nicht so früh, die Stimme entwickelt sich nicht so schnell. Vor allem können wir unser Privatleben behalten. Unser Publikum ist sehr klein im Vergleich zur Popmusik.

Berliner Morgenpost: Mögen Sie Pop?

Renée Fleming: Ich höre es mir nicht an. Aber ich will wissen, was so angesagt ist. Auch, weil ich zwei Töchter habe. Die ältere singt viel vor sich hin, so schön, und ich habe sie gefragt, wie sie das gelernt habe, ob sie Schallplatten mit mir gehört habe. Sie sagte: "Nein, mit Jonas Kaufmann."

Berliner Morgenpost: Christina Aguilera oder Mariah Carey machen eine CD und haben dann erst mal Ruhe. Sie dagegen müssen ständig live beweisen, wie gut Sie singen können, ohne Mikro, ohne Mischpult. Stehen Sie stärker unter Leistungsdruck als Popsänger?

Renée Fleming: Bei uns ist der Druck schon groß. Jeden Abend erwartet man etwas Besonderes von uns, live. In der Oper werden wir Frauen auch noch anders behandelt als Männer. Die Journalisten sind strenger mit uns. Das ist die letzte Art von Sexismus, die sich in unserer Welt gehalten hat.

Berliner Morgenpost: Welche Opfer müssen bringen?

Renée Fleming: Das Reisen. Sänger haben kein Leben zu Hause. Bei mir ist das besonders schlimm, weil ich viel in Amerika auftrete, da sind die Strecken so groß.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle hat Ihr Beruf bei Ihrer Scheidung gespielt?

Renée Fleming: Wenn ich einen anderen Beruf gehabt hätte, hätten mein Exmann (der Schauspieler Rick Ross; d. Red.) und ich uns wohl schon früher getrennt. Wenn man sich ständig sieht, werden die Probleme, die man hat, sehr deutlich. Sie sind immer da. Ich war viel unterwegs, ich konnte die Probleme meistens ausblenden. Was gut für uns war, wegen der Kinder. Gut, dass es so lange gehalten hat.

Berliner Morgenpost: Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Anna Netrebko Wladimir Putin im Wahlkampf unterstützt. Wen unterstützen Sie denn so in Amerika?

Renée Fleming: Ich bin nicht in einzelne Strömungen involviert, aber grundsätzlich bin ich auf jeden Fall Demokratin und habe Obama gewählt. Unseren ersten schwarzen Präsidenten. Ich warte noch auf eine Frau.