Ballet Revolución

Kubanische Träume

Es mag an Havannas schwirrender Stimmung liegen, dass wir, auf dem Trottoir vor der Salsa-Kneipe "El Gato Guerdo" hockend, aus der noch immer Live-Musik dringt, gar nicht bemerken, wie sich aus dem Dunkel ein glucksendes Trio heranpirscht.

Zwei Männer um die 50, einer mit Strohhut, hocken sich neben uns. Sie haben eine schöne Frau dabei, die versonnen an einer kleinen Gitarre zupft. Der Fremde mit dem Hut hält uns gleich seine Flasche Rum hin. Und so nimmt man einen tiefen Schluck. Was wir so machten hier allein um diese Uhrzeit, fragt der Mann mit Hut auf Englisch. Wir säßen nur rum, antworte ich, bisschen quatschen, und schon hat der Fremde meinen Akzent erkannt: "Ah, aus Deutschland, schönes Land." Dann sagt die Frau plötzlich auf Deutsch, dass ihre Cousine in Stuttgart lebe. So flugs sie gekommen ist, so schnell huscht die seltsame Truppe in das wartende Auto an der Ecke, der Motor läuft bereits. Das war die Geheimpolizei, sagt mein Nachbar: Die hat ihre Augen überall.

Er will trotzdem nicht genannt werden. Dabei ist seine Gesellschaftskritik eine ziemlich harmlose. Es sei die Zeit gekommen für eine Revolution der Revolution, sagt er. 53 Jahre sei die letzte schließlich her. "Wir wollen aber nicht, dass die Amerikaner wieder aus Havanna ein mafiöses Las Vegas der Fünfzigerjahre machen." Den Kommunismus müsse es in moderner Form weiterhin geben. Das klingt nicht nach einem Staatsstreich. Wer das System nicht grundlegend zu ändern vermag, konzentriert sich eben lieber auf sich selbst.

Auch lindert das sich schleichend privatisierende Kuba die Wut auf die immer noch vorhandenen Missstände. Schicke Privatrestaurants in baufälligen Ruinen mit dem Charme der Nachwendezeit in Ost-Berlin zeugen davon. Oder die gelockerte Reisefreiheit - wenn man denn so privilegiert ist wie mein nächtlicher Begleiter, der zum Team des "Ballett Revolución" gehört. Man sei stolz darauf, ist immer wieder zu hören, die wenigsten Analphabeten in Lateinamerika zu haben, das beste Gesundheitssystem. Das Essen, das man mit den Versorgungsheften bekomme, reiche zwar hinten und vorne nicht, aber verhungern würde hier niemand. Oder, wie es der Barmann formuliert: "Man kann nicht so leicht auf die Regierung scheißen, aber in fünf Jahren sehen wir uns in Berlin."

Eine kraftstrotzende Compagnie

Im Saal des Nationaltheaters ist am nächsten Morgen die Revolutionsführerin schnell ausgemacht: die Tänzerin Lianett Rodriguez Gonzalez. Sie ist die linke Hand des Choreographen Roclan Gonzales Chavez, das muss man nicht wissen, das sieht man sofort. Selbst wenn sie sanftmütig tanzt, was beim stampfenden Mambo zu Beginn der Proben eher selten passiert, vibriert bei ihr jede Muskelfaser vor Energie. Eine kratzbürstige Rebellin in der ansonsten oftmals künstlichen Puppenwelt des klassischen Balletts mit all ihren gestelzten Verbeugungen.

Das Ensemble des "Ballet Revolución" besteht aus fast 20 afrokubanischen und spanischstämmigen Tänzern, rund zwei Drittel davon sind Männer. Lianett dominiert diese kraftstrotzende Horde, ungeschminkt, mit schlabberigem T-Shirt und schwarzen Wollstrümpfen. Und dennoch feminin, geschmeidig und sexy. Cha-Cha und Son vermischen sich mit Disco und Hip-Hop, virtuos von der Band gespielt. Ein ständiger Rhythmus-Wechsel, ein schier unüberwindbarer Konflikt zwischen Klassik und Moderne. Es geht hier offensichtlich nicht nur um Körperlichkeit, wie man sie selten gesehen hat, sondern um genau diesen Zwiespalt in der kubanischen Gesellschaft.

Zur ebenbesagter Moderne gehört auch das ständige Durchwurschteln, um an die harte Währung zu kommen, den sogenannten CUC, den an den Dollar gekoppelten, konvertiblen Peso. Damit werden alle relevanten Geschäfte abgewickelt. Der monatliche Durchschnittsverdienst eines Kubaners soll bei lächerlichen 15 CUC liegen, etwa elf Euro. Und für diese CUCs mühen sich unzählige Showtänzer in billigen Schuppen für All-inclusive-Touristen ab.

Risse prägen das Stadtbild

Dann plötzlich tanzen sie auf Bühne zum schönsten Police-Song, zu dem Sänger Sting eine Pariser Prostituierte inspirierte: "You don't have to sell your body to the night", flötet der Barde. Lianett sagt später, sie wolle den Mädchen, die sich in den Straßen Havannas verkauften, keinen Rat erteilen. Aber man könne es doch schaffen wie sie.

Lianett Rodriguez Gonzalez wohnt in einem Vorort bei ihren Eltern, in Reparto la Lira. Ein lange Fahrt, ich öffne das Fenster, es riecht nach Abgasen wie damals bei uns in den fernen 70ern. Auch der Putz an Lianetts Elternhaus zeigt die Risse, die sich durchs gesamte Stadtbild ziehen. Dafür hat sie oben in ihrem Zimmer, wo bereits ihr Freund und Kollege im "Ballet Revolución" wartet, einen eigenen Kühlschrank, eine Musikanlage, einen Flatscreen-Fernseher und einen Computer stehen. Alles während ihrer Auslandsauftritte gekauft, die Zollgebühren übrigens, die sie dafür in Kuba entrichten musste, seien eine Unverschämtheit.

Aber sie gehört natürlich zu den Privilegierten, um die 1000 Euro bekommt sie im Monat für ihr aktuelles Engagement. Sie hat wie die meisten ihrer Kollegen ihren Abschluss auf der Kaderschmiede Escuela Nacional de Arte mit Bravour abgeschlossen, und mit ihren 23 Jahren fast ebenso viele Länder besucht. Am Kühlschrank, aus dem sie mir Pfirsichsaft holt, klebt - neben dem obligatorischen Che - ein Kuba- und ein USA-Sticker. "Natürlich würde ich gern in New York arbeiten", sagt sie. Aber leben, das wolle sie hier.