Christian Kracht

Ein Literaturkritiker wird verrissen

Der Schriftsteller Christian Kracht steht derzeit womöglich auf irgendeinem Balkon in Buenos Aires, Kenia oder Florenz und betrachtet versonnen die Schlacht, die am deutschen Feuilletonhimmel tobt.

Am Montag hatte "Spiegel"-Autor Georg Diez den neuen Roman Krachts "Imperium" zu einer Generalabrechnung animiert. Krachts Koordinaten, schrieb Diez, "waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses." Am Ende unterstellte Diez Kracht gar, "Türsteher der rechten Gedanken" zu sein und totalitärem Denken den "Weg in den Mainstream" zu ebnen.

Soweit es "Imperium" betraf, melkte Diez indes bloß weiße Mäuse. Die "rassistische Weltsicht", die den Roman angeblich präge, belegte er mit wenig mehr, als dass darin von Herren und Dienern, Weißen und Schwarzen die Rede sei. Einige, wenngleich höchst fragwürdige Brisanz erhielt Diez' Denunziation allein durch den Kurzschluss des schriftstellerischen Werks mit dem vor ein paar Monaten im kleinen Wehrhahn-Verlag publizierten Mail-Wechsel zwischen Kracht und dem obskuren Künstler David Woodard. Dort wird tatsächlich das ganze Ausmaß von Krachts Obsessionen offenbar: ritualmordende Satanisten in Sizilien, nach Diktatoren benannte Begonien, auf den Hund gekommene Arier-Siedlungen im Urwald von Paraguay. Während Woodard sich im Laufe der fünfjährigen Korrespondenz aber als tumber Spinner entpuppt, der dem Oklahoma-Bomber Tim McVeigh ein Requiem widmet, tappt Kracht nie in die Faschisten-Falle. Er hält stets ironische Distanz zum Thema, schreibt etwa, dass er sich "fast patriotisch deutsch" fühlt, "obwohl ich natürlich Schweizer bin". Diez wollte diesen Zwiespalt, in dem man einen abseitigen Sinn für Humor erkennen kann, schlicht mit "rechtem Gedankengut" kitten. Dafür erntete er heftige Kritik, in der Form und in der Sache.

Es ist auch ein komischer Roman

Das Hauptargument fasste der Autor Uwe Timm in der "Zeit" so zusammen: "Ich habe in dem Roman viel über offenen und versteckten Rassismus gelesen, der aber ist den Figuren inhärent, wird in der erstaunlich artifiziellen Sprache des Erzählers mehrfach gebrochen, auch ins Komische, was eine Qualität des Romans ausmacht." In dasselbe Horn stößt ein kurzer Brief, den Autoren wie Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann, Monika Maron und Thomas Hettche unterzeichnet haben: Diez schreibe Äußerungen von literarischen Figuren konsequent dem Autor zu und werte sie als Beweis einer gefährlichen politischen Haltung. So eine Literaturkritik bedeute "das Ende jeder literarischen Phantasie, von Fiktion, Ironie und damit von freier Kunst". Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch, der pikanterweise auch Bücher von Georg Diez im Programm hat, machte die Solidaritätserklärung am Freitag öffentlich. Über womögliche Folgen der Debatte für den KiWi-Autor Diez schweigt sich der Verlag aus.

Schriftsteller und Medien stimmen jedenfalls überein in der Ablehnung von Diez' Methode, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, Gegenläufiges zu verschweigen und Autor und Werk gleichzusetzen. Selbst die "taz", die einen der spärlichen Verrisse druckte, sieht keinen antisemitischen Faschisten am Werk, sondern bloß einen Vertreter "lächerlichen, gehobenen Spießertums". Derlei Vorwürfe begleiten Kracht indes seit seinem Debüt "Faserland" von 1995.