Film-Tagebuch

Trostlose Plätze, herzerwärmende Filme

Der rote Teppich ist kürzer, das Kino kleiner und in der Nachmittagsvorstellung wird schon Bier getrunken - das Kino International ist erholsam. Es gibt Filme, in die man hineingeraten kann, meistens aus der Verzweiflung heraus für nichts anderes mehr Karten bekommen zu haben.

Man kann sich treiben lassen, die Berlinale macht das schon, sie nimmt einen an die Hand. So finde ich mich wieder in einem Streifen über Transsexuelle in Singapur. Das ist wild, derb und verflucht weit weg. Könnte ich mir stundenlang angucken, ist nach neunzig Minuten aber leider vorbei und durch den Hinterausgang werde ich ausgespuckt auf die Karl-Marx-Allee. In so einem Moment ist der Alexanderplatz endgültig der trostloseste Ort der Welt, nur noch übertroffen vom Burger King am Alexanderplatz. Es gibt Fehler, die mache ich nicht zum ersten Mal. Ich schaue auf meine Karte für den nächsten Film: "Love" steht da und ich kann mich nicht erinnern, für einen Film mit einem solch plumpen Titel ein Ticket besorgt zu haben. Im Programmheft lese ich etwas über einen Episodenfilm um verschiedene Beziehungsgeschichten in Taipeh und Peking. Da die Berlinale auf Genrebezeichnungen verzichtet, stelle ich mich ein auf ein zähes Drama in Mandarin mit englischen Untertiteln. Genauso kommt einem die Liebe ja manchmal vor.

Schon am Eingang kommen mir erste Zweifel, ob ich damit richtig liege. Eine Limousine fährt vor, der zwei überwältigend gut gelaunte Herren entsteigen. Dreißig asiatische Frauen kreischen. Der ältere der beiden, Doze Niu Chen-Zer, Regisseur und Schauspieler, schlägt sich tapfer im Schatten seines Hauptdarstellers Mark Chao, der bei genauerer Betrachtung jedes Kreischen wert ist. Durchweg ist der Film besetzt mit chinesischen und taiwanesischen Superstars.

Im Saal ist der chinesische Fanclub deutlich in der Überzahl. Ich lache zeitversetzt zum Rest des Publikums, muss immer erst die Untertitel lesen, was sich etwas dümmlich anfühlt. Wer zuletzt lacht, lacht längst nicht immer am besten, ist meistens nur der letzte, der den Witz verstanden hat. Aber irgendwann geht das unter, das hier ist der lustigste Film, den ich bisher auf der Berlinale gesehen habe. Und wie jeder anständige Liebesfilm ist er auch traurig, sehr sogar, und das Happy End so kitschig, dass man es niemandem erzählen mag.

Ein paar Ratschläge gibt "Love" noch mit, mein Favorit: Die Unfähigkeit zu Lieben ist noch erbärmlicher als Impotenz. Den sollte sich jede Frau merken, damit gelingt auch im traurigsten aller Fälle der Abgang.

Die Autorin lebt in Berlin. Zuletzt erschien ihr Roman "Ich habe Freunde mitgebracht"