Berliner Philharmoniker

Simon Rattle führt Märchen und Geistergeschichten vor

Immer schon war die Musik erzählfreudig und das bei notorischer Wortlosigkeit. Aber sie wusste schon, warum man ihre Äußerungen seit eh und je "Tonsprache" nannte und aktivierte sie immer stärker.

Das Ergebnis wuchs sich aus zu wahren Erzählungen, die sinfonischen Charakter annahmen. Vier von ihnen vereinte Sir Simon Rattle im Programm mit den Berliner Philharmonikern. Debussys "Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns" machte den zarten Beginn. Wie ausgerechnet Nijinsky auf die Idee kommen konnte, aus dieser zarten, schwelgerischen Musik sein erstes selbst choreographiertes Ballett zu machen, überrascht noch heute. Wie sollte man hinein in soviel Delikatesse Tanzschritte setzen. Das Publikum war empört. Es mussten hundert Jahre vergehen, bis Jerome Robbins die Welt lehrte, dass es wundervoll ging.

Dvoraks ausladendes musikalisches Märchen vom "Goldenen Spinnrad" haut da schon musikalisch ganz anders zu. Die Geschichte watet schier bis zum Hals in Blut und lässt schier keine denkbare Grauenhaftigkeit aus. Aber aus der Musik hört man im Grunde nichts davon heraus. Dvorak schreibt dem Entsetzen wohlklingende Unterhaltsamkeit auf den Leib. Erst da fällt einem wieder ein, dass sich auch die deutschen Märchen mit Vorliebe an menschlichen Monstrositäten ergötzen. Kinderfreundlich sind die wenigsten.

Verrat, Mord und Totschlag, Hass und Neid sind ihre immer vollgetankten Motore. Bei Dvorak spielen sie, ohne zu heulen, treu und brav auf und schmeicheln dem Ohr. Es klingt wie ein musikalischer Friedensschluss mit der Schauerlichkeit aller Verbrechen. Denn an ihnen spart das "Goldene Spinnrad" wirklich nicht. Es spinnt eingängig vor sich hin, dass einem die Haare zu Berge stehen.

Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" hört sich danach in ihrer halbstündigen Länge schon beinahe wie eine Danksagung an das Schicksal an. Die Philharmoniker spielen die 2. Fassung für Streichorchester, die dem intimen Stück, einst für Streichsextett konzipiert, nun (mit acht Kontrabässen) eine Resonanz beimischt, die zwar klanglich imponiert, aber aller Verklärung Ade sagt und sich in Direktheit verliert. Das ist schade.

Zum Schluss noch ein Kracher erster Güte: die "Enigma Variations" von Edward Elgar, ein unterhaltsames Versteckspiel aus Tönen. Elgars Bekannte und Freunde werden ohne Namensnennung vorgeführt: gute Geister der englischen Gesellschaft, für die sich Sir Simon natürlich von Geburt an von Herzen zuständig fühlt.