Frank Goosen

Ein Autor, der jede Trinkhalle kennt

Gäbe es eine Ruhmeshalle des Ruhrgebietes, einen zur Erlebnisgastronomie ausgebauten Gasometer vielleicht oder eine verlassene, jetzt als Museum genutzte Stahlhütte - Frank Goosen hätte einen der ersten Plätze darin verdient.

Als Tresenleser begann er vor bald 20 Jahren, trug Prosa mit Lokalkolorit vor, die auf ein paar Bierdeckel passte. Schon damals spürte er dem Zusammenhang zwischen Fußball und Männern, Rockmusik und Männern, Alkohol und Männern und Frauen und Männern nach, und zwar unter besonderer Berücksichtigung des Standortfaktors. Dieser Faktor war in der Regel seine Geburtsstadt Bochum, ein Schauplatz, auf dem Goosen naturgemäß jede Trinkhalle und jeden Schrebergarten persönlich kennt. Die Frauen waren meistens abwesend, weshalb als Tröstungen Fußball, Rockmusik und Alkohol blieben.

Treffen in der alten Heimat

So hätte Goosen der deutsche Nick Hornby werden können: Die Idee etwa, nach dem Vorbild von Bruce Springsteens Song "Bobby Jean" die ehemaligen Geliebten anzurufen (oder aufzusuchen), um sich nach Jahren von ihnen zu verabschieden, hat Hornby in "High Fidelity" adaptiert und Goosen in "Liegen lernen". Und Goosens Bindung an den VfL Bochum trägt Züge von Hornbys Leidenschaft für Arsenal London. Doch Goosens anekdotische, mit aphoristischen Ad-hoc-Weisheiten ergänzte Geschichten sind im Kern Heimatliteratur, sie entfernen sich kaum je von der kleinen Welt im Pott, die Goosen liebevoll und ironisch besingt als Requiem für eine verschwindende Seelenlandschaft.

In "Sommerfest", seinem neuen Roman, kehrt der Erzähler Stefan nach längerer Zeit in die Heimat zurück, für ein Wochenende nur. Es ist das Wochenende, an dem die Autobahnen im Ruhrgebiet für die Sause im Rahmen der Festivitäten "Kulturhauptstadt Europas" gesperrt wurden, um allgemeine Begehung, Verzehr und Spiel zu ermöglichen; ein buntes, sinnfreies Treiben, das sich dem Fernsehzuschauer als skurriler Ausnahmezustand erschloss. Bei Goosen ist dieser autofreie Sonntag nicht einmal das "Sommerfest" im Titel - damit ist die kleine Vereinsfeier der nicht näher benannten Spielvereinigung gemeint, an der Stefan teilnimmt. Der etwa 40-Jährige war als Bühnenschauspieler nach München gezogen und kam nur noch selten nach Bochum; nun will er das elterliche Haus verkaufen, nachdem der Mieter gestorben ist, und seine Oma Luise besuchen, die letzte Verwandte, die mittlerweile kregel in einem Altenheim lebt und den Kaffee (gesprochen "Kaffe") noch immer zu lange auf der Warmhalteplatte stehen lässt. Unvermeidlich wird Stefan auch seiner Jugendliebe Charlotte, genannt Charlie, begegnen, einer Frau, mit der man Pferde stehlen, Streiche aushecken und Bier trinken kann. Zwar hat Stefan eine Liebschaft in München, doch die ist abgekühlt, seit die Freundin an seinem Schauspiel herummäkelt. Der Vertrag am Theater wurde auch nicht verlängert, nun hofft Stefan auf eine Rolle in einer Vorabendserie. Es paradiert, besser: schlurft ein Ensemble von Ruhrpottfiguren durch das sonnige Wochenende, voran der labernde Gelegenheitsarbeiter Toto, eine Gestalt aus Stefans Schulzeit. Toto ist der gaunerhafte Verbindungsmann zur richtigen Kleinkriminalität; beim Transport eines alten Eichenschrankes treffen er und Stefan ein Pandämonium von dysfunktionalen Tagedieben und Verhaltensgestörten, die in einer unmöblierten Wohnung vor dem Fernseher wesen und sich von Bier und Döner ernähren. Diese Vignette ist Goosens unheimlichster Einblick in das Privatleben jenseits des Kleinbürgertums: Jähe Gewalt, eine krude Geheimsprache und die Atmosphäre des "Asozialen" (wie man früher sagte) lassen einen erschauern. Beim Fußballverein geht es bierselig und kumpelhaft zu, bis die gegnerische Mannschaft die Bundesliga-Hoffnung Murat zu Boden tritt, woraufhin eine Rangelei ausbricht und die Feier vorbei ist.

Nun beschreibt Goosen ein Paradies, das es vermutlich nur in der Erinnerung gibt. "Und da ist es dann wieder: das uralte Gefühl eines Samstagabends im Sommer. Die Ahnung jugendlicher Trägheit, die Erinnerung an die damals nicht so wahrgenommene Offenheit des Lebens, die auch mal in Langeweile umschlagen konnte, kein Beruf, keine Kinder, weit weg davon, die Großartigkeit eines solchen Momentes begreifen zu können. Stefan empfindet Neid gegenüber den Jungen, die alles zum ersten Mal erleben. Auch Überlegenheit, weil sie nicht wissen, nicht wissen können, wie groß ihr Leben ist und dass es, wahrscheinlich, danach immer kleiner wird."

Das ist der wehmütige Goosen-Ton, der stets vorgelesen werden müsste, weil er so nah an der Umgangssprache ist und fern von aller Umständlichkeit; das Prätentiöse wehrt der Autor ab, indem er auch die feierlichen Momente von den Kalamitäten des Lebens attackieren lässt: Kaum besuchen die alten Freunde ein Theaterstück und eine Kunstausstellung in einer malerischen Industriekulisse, kommt schon wieder ein Anruf dazwischen.

Frank Goosens unverbildete, nie angeberische Normalverbraucher-Prosa bringt Momente hervor, die sehr trocken beschrieben werden müssen, weil sie sonst Kitsch wären. Für gestandene Goosen-Leser erweitert "Sommerfest" den Kanon; aber auch der kriselnde mittelalte Großstädter könnte sich hier wiederfinden. Sogar jenseits des Ruhrgebiets. Wie man bei Goosen sagt: "Echt jetzt!"

Frank Goosen: Sommerfest, Kiepenheuer & Witsch, 318 Seiten, 19,99 Euro.