Retrospektive

Tod, Schrecken und das Alltägliche

Unbefangen streicht eine Katze durch die Front der Streikenden, schmiegt sich vertrauensvoll an die Stiefel der aufbegehrenden Dorfbewohner. Als die zaristischen Truppen antreten, um den Aufstand niederzuschlagen, haben wir sie längst aus den Augen, aber noch nicht aus dem Sinn verloren.

Das Massaker, das die Soldaten unter den Handwerkern anrichten, zeigt "Vorstadt" nicht. Während im Hintergrund Gewehrsalven zu hören sind, begleitet die Kamera spielende Kinder und einen Kavalier, der einer schmucken Dorfschönheit ihren entlaufenen Hund zurückbringt.

Ein mit verstörender Gelassenheit hingenommenes Nebeneinander von Tod, Schrecken und dem Alltäglichen herrscht in Boris Barnets frühem Tonfilm. Der sich scheinbar leichtfertig abwendende Blick wagt es, sich zu konzentrieren auf das bewahrenswert Triviale, also Menschliche. Meisterhaft verstand es der Regisseur, poetische Kontrapunkte zu setzen; mit einer Ironie, die Einspruch erhebt im Namen der Figuren. Barnets Kino ist nicht radikal, wohl aber kühn in der Wahl eines privaten Blickwinkels. Er war anrüchig im Kontext des sowjetischen Montagekinos. Der Generallinie mochte dieser Regisseur nicht folgen, gleichwohl bot ihm der sozialistische Realismus genug Platz für wundersame, traumverlorene Eskapaden, für lyrische Erkundungen des Alltags, die sich dem Fluss der Ereignisse im Leben eher unheroischer Charaktere anvertrauen.

Barnets Regiedebüt "Miss Mend" knüpft an die Tradition der populären Filmserials der 1910er an. "Das Zigarrenmädchen von Mosselprom" ist passagenweise aus der Sicht eines US-Millionärs, der voller Neugierde und Sympathie Moskau besucht und nur nebenbei die Verführungskraft des Geldes repräsentiert.

Dieses unbekannte Kapitel der Filmgeschichte steht im Mittelpunkt der diesjährigen Berlinale-Retrospektive - der ersten seit langer Zeit, die filmhistorische Forschungsarbeit leistet. Sie erzählt vom ersten Joint Venture, das die Filmproduktion der UdSSR mit einem westlichen Partner einging. Bei einem Berlinbesuch im Jahr 1922 traf sich der russische Produzent Moisej Aljenikow mit dem jungen Kommunisten Willi Münzenberg, der auf Geheiß Lenins ein Jahr zuvor in Berlin das Büro der "Internationalen Arbeiterhilfe" gegründet hatte, deren Ziel es war, die Hungersnot an der Wolga zu lindern. Die beiden Männer verfolgten unterschiedliche Ziele, die sich gleichwohl trefflich ergänzten. Aljenikow leitete "Rus", das letzte verbliebene Filmstudio in privatem Besitz, das er nach der Revolution klug in ein Künstlerkollektiv umwandelte. Münzenberg suchte ein Instrument, um im Kino eine linke Gegenöffentlichkeit zu schaffen.