Leb wohl, meine Königin!

Kostümfilm ohne Pomp und Protz

Wir schreiben Juli. Ach ja! Wenn man sieht, wie der Berlinale-Palast punktgenau zur Eröffnung alles eingeschneit ist, wie die Festivalgäste in dicke Mäntel vermummt bibbern und die öffentlichen Verkehrsmittel auf sich warten lassen, weil mal wieder keiner damit gerechnet hat, dass im Februar der Winter ausbrechen könnte, dann wünschte man sich gern in den Juli.

Aber in Benoit Jacquots Drama "Lebewohl, meine Königin!", das gestern die Berlinale eröffnet hat, schreiben wir den 14. Juli 1789. Aus dem Geschichtsunterricht wissen wir, dass an diesem Tag die Französische Revolution ausbrach. Und der Film spielt in Versailles, also im Auge des Orkans. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass wir hier im Winter sind.

Der Blickwinkel der Bediensteten

Noch ahnt keiner im Schloss, was auf die gepuderten Hofschranzen zukommt. Noch verlustiert man sich die Zeit mit Promenieren und Parlieren, mit Schwitzen und Mückenstichekratzen. Und die Bettler werden noch, wie üblich, rüde von den Toren weggeschubst. Wer die Ohren spitzt, hört immerhin, dass das Brot knapp sein soll. Aber erst in der Nacht spricht man von unglaublichen Vorgängen in Paris. Man flüstert sie sich ins Ohr, so ungeheuerlich ist die Nachricht: Das Volk hat die Bastille gestürmt! Noch will keiner recht daran glauben. Und doch ändert sich alles über Nacht. Die Königin sammelt ihren Schmuck, die Garden des Königs verschwinden und auch die ersten Edelleute verlassen wie Ratten das sinkende Schiff.

Historienepen werden ja gern mit aufwendigen Dekors und Kostümen gedreht, in statischen Tableaux, die oft historischen Gemälden nachgestellt sind. Und in Zeitlupe fährt die Kamera dabei gewöhnlich über gedeckte Tafeln und entblößte Dekolletes, um all die teure Pracht auch angemessen ins Bild zu rücken. "Leb wohl, meine Königin!" hebt sich von dieser Machart erfrischend ab. Nicht nur die gepuderten, pomadisierten Hofschranken, auch die Bilder sind in permanenter Unruhe. Die Kamera wackelt und hetzt mit ihnen durch die Räume, und selbst wenn sie sich nicht bewegt, kommt sie nicht zur Ruhe. Es ist, als ob die Kamera selbst vor Angst zittern würde. So hat man einen historischen Umbruch selten vorweggeahnt, vorwegbefürchtet.

Und auch die Perspektive ist eine erfrischend andere. Es geht einmal nicht um das große historische Personal, das in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Nun ja, wir sehen Marie Antoinette im Nachtkleid gelangweilt in ihrem Stickmusterbuch blättern. Wir sehen sie auch mit ihrer Leib- und Magenhofdame de Pollignac (Virginie Ledoyen) mehr busseln, als die Etikette es erlaubt. Aber wer gedacht hatte, nach dem karies-süßen, aber doch enttäuschenden Cannes-Beitrag 2006, "Marie Antoinette", nun endlich den definitiven Film über jene höchst umstrittene Königin zu sehen, wird wiederum enttäuscht. Diane Kruger ist zwar als verwöhnte, weltfremde, zickige Madame großartig besetzt. Aber in Jacquots Film geht es einmal nicht um die da oben. Wir erleben den historischen Moment ganz aus dem Blickwinkel einer Bediensteten: dem der jungen Sidonie Laborde (Léa Seydoux), die, um ihr die Langeweile zu vertreiben, der Königin vorlesen darf. Nach dem Berlinale-Erfolg "Der Vorleser" vor drei Jahren nun quasi "Die Vorleserin". Und Mademoiselle Seydoux, die wir schon aus "Lourdes" und "Mission: impossible 4" kennen und die wir am Montag gleich noch einmal im Schweizer Wettbewerbsbeitrag "L' enfant d' en haut" erleben dürfen, sie spielt Frau Kruger in den Schatten, sie trägt, sie dominiert mit ihrem feinen, filigranen Spiel.

Überhaupt kann man die Vorzüge dieses Films am besten ermessen, wenn man auflistet, was er alles nicht zeigt. Nicht die üblichen Revolutionsszenarien, also kein Tribunal, keine Guillotine, ja nicht einen einzigen Revolutionär. "Leb wohl" spielt nur in den ersten drei Tagen der Revolution, lange vor dem Marsch des Volkes auf Versailles. Und ist eigentlich nicht die soundsovielte Verfilmung dieser Ereignisse, sondern vielmehr eine allgemeingültige Metapher, die weit über die Zeit, in der sie spielt, hinausstrahlt. Eine Metapher auf die Blindheit von Machteliten.

Kein Wunder also, dass Dieter Kosslick seine 62. Berlinale mit diesem Werk eröffnet hat. Schon im letzten Jahr zeigte er einen markanten Film über eine ziemlich beschränkte Banken-Elite kurz vor Ausbruch der Finanzkrise: "Der große Crash-Margin Call". Zeitgleich zu jener Berlinale brachen revolutionäre Erhebungen im ganzen arabischen Raum aus, was gleich mehrere Berlinalefilme im diesjährigen Programm wiederspiegeln. Darüber hinaus handelt Wang Quan'ans "Bai lu yuan" vom Untergang des chinesischen Kaiserreichs; "Rebelle" von afrikanischen Kindersoldaten, Angelina Jolies Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey" vom Bosnienkrieg, Zhang Yimous "Flowers of War" von Massakern der Japaner in China. In all diesen Filmen gerät die Welt ins Wanken. Und immer ahnen die Protagonisten schon, was da vor sich geht, und wollen es doch nicht wahrhaben.

Unangenehme Parallelen zu heute

Das aber ist vielleicht der Grund, warum dieser Eröffnungsfilm doch nicht recht schmecken will. Zum Beginn eines Festivals wünscht man sich gern ein kinematographisches Feuerwerk, das einstimmt und Lust macht auf zehn Tage Kino. Und obwohl auch "Leb wohl, meine Königin!" (erst ab Mai im Kino) seine Parallelen zur Jetztzeit nicht aufdringlich ins Bild führt, wirft er den Zuschauer doch auf seine eigene Unruhe zurück. Man muss gar nicht in die Ferne, nach Ägypten oder Syrien, schweifen, die Euro-Krise liegt so nah. Auch hier könnte sich gerade eine einschneidende Zäsur anbahnen, und doch machen alle weiter wie gehabt. Später wird man vielleicht auch einmal sagen: Sie haben all die Vorzeichen nicht erkannt.

Wiederholungen Haus der Festspiele, heute 18 u. 20.30 Uhr; Friedrichstadtpalast, 19.2., 10 Uhr

"Besonders spannend waren für mich Punkte, die ich mit Marie Antoinette gemeinsam habe, zum Beispiel das Vertrauen in die Liebe."

Diane Kruger Schauspielerin