Ausstellung

Ein Glückwunsch für den Ausnahmekünstler

Gerhard Richter ist ein Ausnahmekünstler und vor allem ein bekennender Maler. Er bedient sich der Malerei, dieses alten Mediums, und weiß durchaus, dass er nicht ständig das Rad neu erfinden muss.

Und doch überrascht er immer wieder mit unerwarteten neuen Dingen. Das macht ihn in meinen Augen so besonders.

Wenn ich mir die Bedeutung dieses so besonderen Künstlers, Menschen und Freundes klarmachen will, schaue ich mir das Bild "Ema - Akt auf einer Treppe" an, das heute eine der Ikonen im Museum Ludwig ist. Richter hat es 1966 gemalt, nur zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, und doch zeugt das Bild von großer Souveränität: Man sieht darauf seine Frau Ema. Ein klassischer Akt. Ema schreitet würdevoll die Stufen hinab. Diese Geste bezieht sich natürlich auf Marcel Duchamps berühmtes Gemälde "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr.2" von 1912.

Duchamp steht in der Kunstgeschichte für den Abschied von der Malerei nach dem Kubismus. Und was macht Richter? Er greift das Motiv auf, interpretiert es neu und gibt seinem Bild die ästhetische Qualität eines Polaroids. So ein Polaroid funktioniert durch den chemischen Prozess des sich selbst entwickelnden Fotos: Innerhalb von Minuten taucht aus dem Nebel etwas Sichtbares auf. In diesem Fall eine nackte Frau, die die Treppe hinuntersteigt. Natürlich ist dieses Bild eine ungeheure künstlerische Erfindung. Es ist faszinierend, wie Richter die Qualitäten der Fotografie auf die Malerei überträgt. Denn eigentlich sind beide klassische Antagonisten. Als die Plattenkamera erfunden wurde, glaubte man, die Maler werden nun arbeitslos.

Die Menschen sind von Gerhard Richter fasziniert, weil er dieser unglaublich erfolgreiche Künstler ist. Aber ich finde, das Tolle an ihm ist eher seine enorme Fähigkeit zur Selbstkritik. Er ist ein sehr skeptischer Mensch. Er durchschaut den Betrieb und bedient ihn, wann immer es ihm sinnvoll erscheint. Und die große Retrospektive aus Anlass seines 80. Geburtstags in der Neuen Nationalgalerie in Berlin nimmt er so mit - ganz cool, ganz routiniert. Da ist er völlig "made in Germany". Immer die professionelle Lösung.

Kennengelernt habe ich Gerhard Richter Anfang der 1960er-Jahre. Da war er noch Student an der Akademie in Düsseldorf. Erstmals bemerkte ich ihn bei der Performance "Leben mit Pop - eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus", die er mit Konrad Lueg - dem späteren Galeristen Konrad Fischer - im Möbelhaus Berges veranstaltete. Damals war die Düsseldorfer Szene von den Zero-Künstlern Uecker, Piene und Mack beherrscht. Deren Kunst war eher theologisch. Spirituell aufgeladen. Und nun kamen Richter und Lueg und arbeiteten dagegen an. Der Begriff "Realismus" war an sich schon ungeheuerlich: Realismus war out. Und dann noch ein bestimmter, ein kapitalistischer, der sich auf ein ganz popeliges Möbelgeschäft bezog. Ich erinnere mich daran, wie Richter und Lueg bei der Performance auf Sofas saßen, Salzstangen knabberten und "Sportschau" guckten. Dazu präsentierten sie zwei selbst gebastelte Pappmaschee-Figuren. Beide hatten damals Jobs beim Düsseldorfer Karneval. Die eine Figur zeigte Alfred Schmela, den legendären Düsseldorfer Galeristen, die andere John F. Kennedy. Ich habe beide Figuren damals gekauft. Die kosteten 80 Mark, aber es war eher eine Geste.

Heute kommt mir dieser Moment fast schon prophetisch vor. Einen Monat nach der Möbelhaus-Performance wurde Kennedy erschossen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Studentenbude in Köln, wo ich die Figuren aufbewahrte. Nach dem Attentat kam die Wirtin und sagte: "Der Kennedy muss weg." Der war ihr zu gruselig. Ich habe also die Figur im Zug zu meinen Eltern gebracht, in Packpapier gewickelt, der Kopf schaute raus. Die Fahrgäste haben mich fast gelyncht. Die Figur war zwar eine Karnevalsfigur, sah aber sehr realistisch aus, so etwas konnte Richter unglaublich gut. Später haben wir uns öfter getroffen. Ich war häufig in seinem Atelier und wir haben verschiedene Ausstellungen zusammen gemacht. Besonders gut erinnere ich mich daran, wie wir 1989 als zweite Station seinen heute berühmten RAF-Bildzyklus "18. Oktober 1977" im Portikus in Frankfurt gezeigt haben. Das Baader-Meinhof-Thema war in Frankfurt immer noch sehr emotional besetzt. Als die Ausstellung eröffnet werden sollte, gab es an der Städelschule, an der ich Rektor war, heftige Diskussionen. Alle radikalen Gruppen waren im Saal, wohl auch der eine oder andere Zuhörer vom Verfassungsschutz. Spät in der Nacht habe ich dann gebeten, dass wir zum Portikus hinübergehen und uns die Bilder anschauen, damit wir wissen, worüber wir eigentlich reden. Die Hälfte der Leute weigerte sich. Die wollten nicht "korrumpiert" werden durch die auratische Malerei. Da war mir klar, dass wir als Nächstes vier große abstrakte Bilder zeigen müssen, diese sind viel härter als der RAF-Zyklus. Der abstrakte Richter war kalt, abstoßend - und attraktiv. Die Werke suggerieren Nähe, zugleich wird man weggeschubst. Dieses intensive Gefühl beim Betrachten macht für mich einen wirklich großen Maler aus. Am 9. Februar feierte Gerhard Richter seinen 80 Geburtstag. Er gilt heute als eine der wichtigen intellektuellen Persönlichkeiten der Bundesrepublik. Ich finde, er hat den Ruf absolut zu Recht. Es ist eine wunderbare Geste, dass ihm diese Retrospektive gewidmet wird. Wie immer hat Richter ein verkleinertes Museumsmodell konstruiert, so wie andere vielleicht ihre Eisenbahnanlage aufbauen. In diesem Modell schiebt er dann seine Bilder herum und kann sich diebisch darüber freuen. Und ich gönne ihm diese Freude von ganzem Herzen.

Kasper König ist Direktor des Museum Ludwig in Köln. Er kuratierte eine Reihe von Ausstellungen mit Richters Werken