Gerhard Richter

"Verschwendet wird nichts, auch keine Zeit"

Ihr erster Eindruck vom Atelier? Corinna Belz muss nicht lange überlegen. "Funktional, sachlich, alles hat seinen festen Platz." Ob Farben, Pinsel oder Rakel - alles wohlsortiert. Überrascht hat das die Regisseurin, die von 2008 bis 2010 den Künstler für ihren Kinofilm "Gerhard Richter Painting" in dessen Studio in Köln-Hahnwald begleiten konnte, nicht.

"Ich glaube, er braucht diese Ordnung, damit er sich auf das konzentrieren kann, was er gerade tut." Ordnung sei für ihn nicht nur Zeitersparnis, "sondern auch ein Stück Sicherheit, festes Terrain, während er bei der Arbeit Zustände anstrebt, in denen sich der Prozess des Entstehens verselbstständigt, die Bilder ihm sozusagen zuarbeiten".

Für die Filmemacherin war es spannend, dass selbst das Reinigen der Malutensilien fast ein ritueller Vorgang ist. Das Säubern als Abschluss - und Vorbereitung auf Neues. Vor allem seinen Dachshaarpinseln, die er bei gegenständlichen Arbeiten zum Verwischen der Oberfläche nutzt, scheint er eine besondere Zuneigung entgegenzubringen. Penibel und ausgiebig werden sie von Farbresten befreit. Richter begleiten sie denn auch Jahre. "Verschwendet wird nichts, kein Hilfsmittel, keine Farbe, aber auch keine Zeit", so Belz.

Doch wie nähert man sich einem Künstler, der als introvertiert und verschlossen gilt? "Ich lernte ihn erstmals 2006 während einer Arbeitsbesprechung für sein Projekt für den Kölner Dom kennen." Dem kurzen, entspannten Gespräch folgten weitere für ihre Dokumentation "Gerhard Richter. Das Kölner Domfenster" (2007). Der halbstündige Film zeigt als Langzeitbeobachtung die Entscheidungs- und Produktionsprozesse beim Entstehen der Glasarbeit für das südliche Querhaus der Kathedrale - und ließ beidseitige Akzeptanz entstehen.

"Schwarzer Humor, Mut und Zuverlässigkeit zeichnen Gerhard Richter besonders aus - und eben Distanz", meint sie. Obwohl sie für "Painting" zwischen April und September 2009 und auch 2010 stunden- oder tageweise im Atelier drehen konnte, ihn beim Entstehen von Werken mit Küchenmesser und großen Rakeln hantieren sah, trotz des räumlich engen Kontakts - der Abstand blieb bestehen. "In der Distanz bewahrt man eine Freiheit, die dann für Momente auch Nähe möglich macht. Ich finde schon, dass er jemand ist, der persönlich eher verschlossen ist", meint Belz. Zugleich strahle er eine große Bestimmtheit aus, vor allem was seine Arbeit betrifft. So konnte sie im Atelier das Entstehen von 16 teilweise großformatigen Arbeiten mitverfolgen. Fünf kann der Interessierte nur noch im Film sehen. Noch während der Dreharbeiten wurden sie von Richter aussortiert. "Nicht, weil er mit den Kompositionen unzufrieden war", sagt Belz. "Die verwendeten Holzuntergründe hatten sich bei vier unmerklich verzogen, sodass die monochromen Farbflächen nicht mehr plan waren." Für die Filmemacherin belegt das auch, dass Richters Akribie, seine kritische und selbstkritische Haltung "keine bloße Attitüde ist, sondern seine Arbeit prägt".

Neugier und Offenheit sind zwei weitere Eigenschaften, die ihrer Meinung für den Künstler prägend sind. Nicht nur, dass sich der medienscheue Künstler überhaupt auf ein Filmprojekt eingelassen habe. Letztlich habe er auch handwerklich zum Gelingen beigetragen. So ließ Belz, um eine umfassende Dokumentation zu bekommen, die Kamera oft im Atelier. Richter konnte sie dann selbst ein- und abschalten. Da die Bildschärfe sich nicht automatisch fokussierte, brachte er auf dem Boden Standmarkierungen an, die garantierten, dass die im Entstehen begriffenen Bilder - im Gegensatz zu vielen seiner Gemälde - im Film gestochen scharf zu sehen sind. "Ich glaube nicht, dass er sich mit dem Drehen intensiv beschäftigt hat. Aber er hat in seinem Atelier ein so gutes Gefühl für reibungslose Abläufe, dass er wohl eher intuitiv auch die Kamera in seine Arbeit einfließen lassen hat", glaubt Belz.

Dass am Ende ein anderthalbstündiger Kinofilm herauskam, der nach fünfmonatiger Laufzeit die für Dokumentarfilme beachtliche Zahl von etwa 70 000 Zuschauern verzeichnen kann, hätte Belz nicht gedacht. Sie ist eher der Meinung, Richter hätte bei einer solchen Planung sofort abgewinkt. Denn auch während des Drehens gab es Momente, in denen sie befürchtete, das Projekt sei beendet. Wenn Richter beispielsweise monierte, er könne unter ständiger Kamerabeobachtung nicht arbeiten. Allerdings ließ er dann wieder Hoffnung aufkommen, wenn er wenig später nachschob, "Sie werden sich schon was einfallen lassen".

Gesprochen wurde - wie auch in Belz' Film - während der Treffen nicht viel. Für Richter war vor allem die Arbeit an seinen Bildern wichtig. So befragte Corinna Belz ihn auch zum RAF-Zyklus: "War ja ein schwieriges Thema." Und Richters knappe Antwort: "Ja, es geht, ist 'nen Job, wenn man es denn tut, das Tun ist ja immer ganz gut, etwas abzuleisten."

Aktuell plant die Regisseurin einen neuen Dokumentarfilm über einen zeitgenössischen - wie soll es anders sein - ebenfalls umstrittenen Schriftsteller. Den Namen will sie noch nicht verraten. Irgendwann wird sie vielleicht das vorhandene, über hundert Stunden füllende Richter-Material nochmals bearbeiten.