Literatur

Lebensentwürfe sind auch nur etwas für sentimentale Gemüter

Heiße Distanz: mit dieser Haltung tritt Marcel Beyer ins Lessinghaus ebenso wie in eine Brandenburgische Raststätte, so liest er Joseph Conrad oder betrachtet ein Triptychon von Francis Bacon.

Acht "Recherchen" genannte Texte versammelt der Band "Putins Briefkasten", Texte, die sich durchsichtig machen, ganz so eben, wie Beyers Sprachdurchlässigkeit arbeitet: immer auf Empfang, doch nur, was sich festsetzt, konturiert die literarische Physiognomie. Denn es ist nicht so, als würden sich Gelassenheit und Geduld, die Beyers Blick auf die Dinge bestimmen, Emotionen verbieten.

Die Empörung darüber, dass ein nicht namentlich genannter Hitler mit dem ausgestellten VW Käfer es nach einst erfolglosen zeichnerischen Versuchen doch noch ins Museum geschafft hat und noch dazu in der sogenannten "Stadt der Bewegung", ist intensiv, bleibt aber unter den Freunden, die Beyer an einem Samstagnachmittag in die Pinakothek der Moderne begleiten. Die Obszönität, die Beyer empfindet, wenn er das in Szene gesetzte Fahrzeug sieht und ein Gemälde von Francis Bacon mit einer gewalttätigen Szene gegenüber, führt letztlich zum Zweifel. Manipulieren die Assoziationsketten nicht in gleicher Weise wie die obszöne Vermischung von Kunst und Kunsthandwerk in der Pinakothek? Die Polemik wird eingefangen, die Beunruhigung bleibt.

Marcel Beyer schaut sich beim Schreiben zu. Was könnte das Schreiben bedeuten? Ein labiles Gefüge, dem die Hölle nicht fremd ist, die Hölle des Nichtschreibenkönnens, der erkaltenden oder, noch schlimmer, der lauwarmen Distanz, die Lebensentwürfe nur als geliehene Sentimentalitäten kennt. Und so kann man Sprachgrenzen untersuchen und sich zwischen den Grenzen und Sprachen aufhalten, um neue Verwandtschaften zu entdecken. Und dazu können Vögel oder Schmetterlinge ebenso dienen wie die russischen Echos von Beyers Wahlheimat Dresden.

Marcel Beyer: Putins Briefkasten. Suhrkamp, Berlin. 221 Seiten, 8,99 Euro