Tony Christie

Das Publikum verzeiht alle Jugendsünden

Der Weg war weit und lang von Sheffield nach Neukölln, ins Huxley's an der Hasenheide. In gewöhnlicheren Nächten treten hier verwegene Rockbands auf, und die Besucher stehen in den Bierpfützen im Saal.

An diesem Abend ist im Huxley's das Parkett bestuhlt für Tony Christie, den Seniorensänger. 71 Jahre ist er alt. In Deutschland und Europa hielt der Engländer sich 1971 mit "Is This The Way To Amarillo?" länger oben in den Hitparaden. Im Gestühl sitzen die Gäste still und warten wie im Kurkonzert. Um 20 Uhr nimmt auch die Band die Plätze ein, dann federt Tony Christie auf die Bühne, schuffelt, scherzt und singt mit offenen Armen.

Wer Tony Christies Weg zuletzt nicht mehr verfolgen konnte, weil das ZDF ihn nicht mehr samstagabends zeigte, muss sich erst wieder für ihn erwärmen. Abwartend schaut ihm das Auditorium zu. Er stellt sich selbst vor mit den Worten: "Ich bin Tony Christie, ich bin 43, und ich feiere mein 50-jähriges Bühnenjubiläum." Niemand lacht. Aber es ist ja auch verwirrend: Vor drei Jahren hat er aufgehört, sein Haar zu färben, seither wirkt er jünger. Er trägt einen scharf geschnittenen, schmalen Anzug und schwärmt unentwegt von seinem neuen Album. Inbrünstig stimmt er den Titelsong an, "Now's The Time", es klingt wie ein Feger aus den angesagten Tanzhallen vor 50 Jahren.

In Sheffield und in Großbritannien ist er wieder wer. Seit seinem Album "Made In Sheffield" vor vier Jahren: Christie hatte Songs lokaler Weltstars aufgenommen, ältere Klassiker von Human League und jüngere der Arctic Monkeys. Ihm widerfährt, was zuletzt auch Neil Diamond oder Johnny Cash erleben durften: Man verzeiht ihm alle Unterhaltungssünden und erklärt ihn zur Legende. Wenn er "Shop Around" der Miracles von 1960 anstimmt, krümmen sich die wenigen Hipster, die gekommen sind, vor Wonne, und die Rentner sehen ihnen ratlos dabei zu. Aber man weiß ja, wie es ausgeht. "Es wird Zeit für dieses Lied", sagt Tony Christie, bevor er wieder verschwindet. Niemand weiß, was er in Amarillo wollte, einer Stadt in Texas, er war selbst nie da. Das Huxley's tanzt mit ihm und singt: "Scha-la-la-la-la-la-la-la!" Mehr muss man auch nicht wissen, um die Popmusik der letzten 50 Jahre zu verstehen.