Gerhard Richter

Chamäleon, Erneuerer, Klassiker

Auch wenn er Deutschlands teuerster Maler ist, ein Popstar ist der nicht. Öffentliche Inszenierung hasst er, Gerhard Richter tritt lieber hinter seinem Werk zurück. Möglich, dass es vor der Neuen Nationalgalerie wieder eine ansehnliche Schlange geben wird, wenn die Retrospektive "Panorama" am 12. Februar, drei Tage nach des Meisters 80. Geburtstag, fürs Publikum eröffnet.

Sicher aber wird sich so mancher Busfahrer wundern, wenn er am Mies van der Rohe-Bau vorbei fährt, warum Besucher sich draußen die Nase an den Glaswänden platt drücken.

Drei Länder, drei Institutionen

Parallel zur Fensterfront "laufen" drinnen im Obergeschoss der Nationalgalerie 196 Farbtafeln an einer weißen 5,40 Meter hohen Ausstellungswand entlang - über zweihundert Meter Richter. "4900 Farben" heißt der Emaille-Zyklus aus leuchtenden, farbigen Quadraten, 2007 entstanden als "mobiles Gegenstück" für das Kölner Domfenster. Elf Versionen für verschiedene Präsentationen tüftelte Richter mittlerweile aus. Auffallend wie hoch sie hängen, nicht Auge in Auge wie eine Porträtgalerie soll der Besucher die Quadratbilder abschreiten, sondern die Aura des gesamten Frieses aufnehmen. Wenn draußen die Sonne mitspielt, könnte es ein schönes kaleidoskopartiges Lichtspiel geben. "Die Entscheidung, dass wie dieses Werk zeigen, hat mit der Architektur der Nationalgalerie zu tun, hier in diesem Glashaus spielt das Licht und die Helligkeit eine große Rolle", sagt Kuratorin Dorothée Brill. Auf immerhin 2500 Quadratmetern wird sich Richters vielschichtiges Werk mit rund 140 Exponaten dann ausbreiten.

Drei renommierte Institutionen aus drei Ländern kooperieren für diese Gesamtschau des Malers. In Londons Tate lief die Ausstellung bereits, in Berlin wird sie als Geburtstagsschmankerl eröffnet, danach geht sie ins Centre Pompidou nach Paris. Im Kern ist die Dramaturgie der Schau in allen drei Städten gleich, in Berlin allerdings ist der Fokus stark auf die "4900 Farben" ausgerichtet, die direkten Bezug auf die Mies-Ikone nimmt, und damit auch stärker auf Richters Glas- und Spiegelbilder verweisen will.

In dieser Zusammenschau wird "Panorama" so schnell nicht wieder zu sehen sein. Etliche prominente Sammler haben ihre Exponate wohl nur unter der Prämisse des Achtzigsten für die Dauer von gleich drei Ausstellungen ausgeliehen.

Dass Richter Rekorde macht, ist bekannt. Preislich wird es mit dieser Ausstellungstrias auf dem Kunstmarkt wieder einen neuen Ruck geben, die Nachfrage noch einmal steigen. Erst im vergangenen Herbst wurde eines seiner "Kerzen"-Bilder in London für knapp 12 Millionen Euro verkaufte. Was den Künstler selbst zu Ausrufen wie "absurd" verleitete. Richters Kerzen seien, so ein Christie's Spezialist, mittlerweile so etwas wie die Marilyns von Warhol. Einer dieser populären brennenden Dochte wird natürlich auch in Berlin zu sehen sein.

Seit zwei Jahren arbeiten die drei Teams an dem internationalen Ausstellungsprojekt, mal traf man sich in Paris, Berlin oder London. Richter selbst war regelmäßig dabei, er gilt als ein sehr konzentrierter Arbeiter, beschäftigt sich mit den Hängungen und bereitete für die einzelnen Ausstellungen die jeweiligen Raum-Modelle mit vor.

Der Ausstellungstitel "Panorama" mag etwas schwammig klingen, soll aber der "Offenheit, Umschau und Umsicht" des Werkes über die Jahrzehnte hinweg Rechnung tragen. Die Schau wird chronologisch gehängt sein, stärker als es in London der Fall war. "Sie soll zeigen, wie simultan Richter verschiedene Werke schaffte, wie zeitgleich die Dinge bei ihm passierten. Die Landschaften beispielsweise tauchen über alle Jahrzehnte hinweg auf - von den Sechzigern wie heute", so Dorothée Brill.

Jede Werkphase im 50-jährigen Schaffen des Malers wird präsent sein. Monochrome, Fotoabmalungen, abstrakte Bilder, Farbfelder, digitale Streifenbilder - der für sein Werk so typische Dialog zwischen Abstraktion und Figürlichkeit. Jene zwei Königswege der Malerei, die bei Richter zusammenfinden. Kein anderer Künstler hat so wie Richter "seine" Malerei ein Leben lang so konsequent befragt, analysiert und sie immer haarscharf an die Grenzen getrieben. Kritiker nennen ihn manchmal ein "Chamäleon der Malerei", tatsächlich aber erfindet er das Genre immer wieder neu. Wer ihn kennt, weiß, wie tief seine Angst sitzt, sich zu wiederholen.

Doch in einem Punkt wird Berlin ausscheren. Ein musealer Cou, der vielleicht nicht jedem Besucher gleich einleuchten mag, auf jeden Fall aber für Zündstoff sorgen wird. Museums-Hopping ist angesagt. Richters umstrittener 15-teiliger RAF-Zyklus "18. Oktober 1977", benannt nach der Todesnacht in Stammheim, wird in einen anderen Kontext gestellt, ausgegliedert aus dem Gesamtwerk. Er wird Tür an Tür mit den Romantikern um Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie seinen Platz finden. "Wir wollen ihn einmal in die Tradition des Historienbildes stellen", erklärt Brill, "und Fragen zur Darstellung geschichtlicher Ereignisse eröffnen." Die Frage lautet nun: Hat Richter das Historiengemälde mit den Mitteln der fotografischen Massenmedien neu belebt? Die Diskussion ist eröffnet.