Falladas "Trinker" am Gorki Theater

Hier wird gesoffen, geschrien und gespien

"Das ist Körperverletzung!", tönt es empört aus dem Parkett. Da sind wir schon mitten im Delirium. Eine mächtige Windmaschine bläht die bemalte Bühnenleinwand in die ersten Zuschauerreihen hinein, psychedelische Farbspiele, Bahnschienen ins Nirgendwo und Insekten mit Spiralaugen drängen sich uns auf. Laute Musik dazu.

Die Herren auf der Bühne kotzen im Strahl. Ziemlich lange schießt brockige Brühe aus Schläuchen, die sie sich erst an den Mund, und, als es schier nicht enden will, unter und neben Ohren, Nase und Arme halten. Damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, das Ganze hier sei irgendwie naturalistisch gemeint.

Sebastian Hartmann, der Leipziger Noch-Intendant, erzählt in einer Berlin-Leipzig-Koproduktion am Maxim Gorki Theater Hans Falladas "Der Trinker" als ziemlich unausgegorene Mischung aus fast konventioneller Texttreue und dramaturgischem Exzess. Nach "Jeder stirbt für sich allein" ist dies die zweite Fallada-Adaption in dieser Spielzeit im Gorki. "Der Trinker", 1944 während eines Aufenthalts in der Neustrelitzer Landesanstalt entstanden und 1950 posthum veröffentlicht, gilt als persönlichster Roman des Säufers, Morphinisten und Ex-Häftlings.

Jenen Geschäftsmann Erwin Sommer, den der Schnaps in die Trinkerheilanstalt bringt, der Geld und Stolz und seine Ehe versäuft, diesen lädierten Antihelden also als Alter Ego Falladas zu verstehen, liegt nahe. Hartmann verweist darauf in einem kleinen Vorspiel, für das er seine beiden Darsteller Samuel Finzi und Andreas Leupold zum Duell bittet. Es ist jenes Duell, das der 18jährige Fallada mit einem Freund abhielt und eigentlich keines war, sondern den Doppelsuizid zum Plan hatte. Der Freund starb, Fallada überlebte.

Dann startet die Geschichte des Erwin Sommer: Im Smoking mit verrutschtem Hemd sitzen Finzi und Leupold am vorderen Bühnenrand wie zwei Herren, die sich nach einem guten Geschäftsabschluss an der Bar noch einen Drink genehmigen. Im Lichtspot eines erfolgreichen Lebens sitzen sie und plaudern sich durch den Beginn der Geschichte, feiner Barjazz klingt dazu, ohne Mann am Klavier, aber mit einem grandiosen Steve Binetti an der Gitarre. Er ist an diesem Abend der Mann für die Zwischentöne, knarzt rauchig, säuselt verführerisch, wenn die reine d'alcol wieder zuschlägt, ein musikalischer Kommentator, wissend scheint er zu grinsen, selten ist er überrascht. Es musste ja alles so kommen mit diesem Erwin Sommer.

Am Anfang gönnt Hartmann seiner Inszenierung noch viel Ruhe. Bis der Schnaps, obwohl übrigens keine einzige Flasche an diesem Abend auftaucht, die Ordnung auflöst, die gesellschaftliche des Erwin Sommer und die künstlerische des Sebastian Hartmann und die darstellerische der Herren Finzi und Leupold. Sie reißen sich die Hemden vom Leib, Finzi, der Stampfende, Wütende, wird puterrot im Gesicht, zupft sich mit zitternden Händen fahrig am Bart. Leupold gibt eher den blassgesichtigen Resignierten, beide füllen ihre Rollen, doch sie schießen mitsamt der Inszenierung weit übers Ziel hinaus. Viel zu gewollt scheint das und viel zu dick aufgetragen. Am Ende kehrt wieder Ruhe ein, die beschmutzten, durchnässten Klamotten weichen wieder einem reinen Anzug. Wenn Finzi und Leupold chorisch das Ende einläuten, sind der Autor und seine Figur vollends beieinander. Den Tod vor Augen, soll es noch ein allerletzter Schnaps sein. Noch einmal alles vergesse, auch dass der Rausch niemals etwas besser macht, den Tod schon gar nicht. Auch hier: Kein Mitleid. Dieser Abend will partout kein Mitgefühl, er will besoffen machen mit seinen theatralen Mitteln, doch was von ihm bleibt, reicht kaum für einen anständigen Kater.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15. Wieder morgen, 19.30 Uhr