Drei Berliner Regisseure im Interview

"Ich würde lieber mich gewinnen sehen als euch"

In diesem Jahr ist der deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale mit drei Filmen vertreten: "Gnade" von Matthias Glasner (47), "Barbara" von Christian Petzold (51) und "Was bleibt" von Hans-Christian Schmid (46). Alle drei sind fast gleichaltrig, alle drei Berliner Regisseure. Und: Alle drei stellen in diesem Jahr bereits ihren fünften Film auf der Berlinale vor. Bevor sie gegeneinander konkurrieren, hat Peter Zander sie an einen Tisch gebracht.

Berliner Morgenpost: Kennen Sie sich eigentlich untereinander?

Christian Petzold: Eigentlich ist es so, dass man sich als Regisseur ganz selten kennt. Man begegnet sich auf Empfängen, das ist es in der Regel.

Hans-Christian Schmid: Wir haben so etwas mal versucht, als ich noch in München war, nach der Filmhochschule. Treffen am 1. Montag im Monat. Hat nie geklappt.

Berliner Morgenpost: Sie sind alle drei Berlinale-Dauergäste. Fühlt man sich da heimisch oder muss man auch mal auf andere A-Festivals?

Petzold: Wenn du einen Film vorstellst, hat ein Festival nicht mehr so die Identität. Dann machst du Pressearbeit und kriegst sonst nichts mehr mit. Als Zuschauer kann ich was über Festivals sagen, als Beteiligter steckst du in einer Blase.

Schmid: Für mich gibt's drei unterschiedliche Berlinalen. Entweder hast du einen Film dort laufen. Oder du kannst nur schauen, das ist am schönsten. Oder du bist in der Vorbereitung eines Films und führst darüber Verhandlungen. Das kriegt man ja nicht so mit. Aber ich glaube, die meisten kommen deswegen.

Matthias Glasner: Ich finde es schön, dass die Berlinale ein Zuhause ist. Aber manchmal sollte man doch dieses Wärmegefühl aufgeben und rausgehen. Es ist aber auch so: Wenn du einmal auf ein Festival kommst, kommen auch andere Einladungen. Mit "Der freie Wille" etwa bin ich nach der Berlinale ein Jahr lang von einem Festival zum anderen gereist.

Schmid: Man verliert dann aber auch ein Jahr. Auf Festivaltour kannst du keine neuen Filme entwickeln, das geht nicht.

Petzold: Und du hast ja kein Einkommen, wenn du nichts Neues machst. Du wirst eingeladen, wohnst in luxuriösen Hotels - und bekommst Sinnlosigkeitsgefühle.

Glasner: Tom Tykwer hat mal die These aufgestellt, jeder Regisseur hätte nur sieben gute Jahre.

Schmid: Dann wäre mit einer Festivaltour ja eins schon weg!

Berliner Morgenpost: Sie alle zeigen hier Ihren fünften Film. Kommt jetzt wieder die Kritik, auf der Berlinale sind die "üblichen Verdächtigen"?

Petzold: Wenn John Ford seinen 17. Western gemacht hätte, würd' ich ihm das auch nicht vorwerfen.

Schmid: Das sind gewachsene Beziehungen, in Cannes ist das nicht anders. Jeder neue Lars von Trier läuft dort, wenn er schwach ist, ärgere ich mich und denke, der hat eine Carte blanche. Ich gehe aber mal davon aus, dass die Berlinale unsere Filme sieht und prüft, ob sie es wert sind.

Berliner Morgenpost: Sie sind mit der Berlinale groß geworden. In früheren Jahren wurden deutsche Regisseure noch förmlich verrissen, da zeigte man seine Filme tunlichst nicht in Berlin.

Petzold: Na, ich weiß nicht. Was Romuald Karmakar mit "Die Nacht singt ihre Lieder" und Dominik Graf mit "Der Felsen" erlebt haben, das war auch in der Kosslick-Ära eine schlimme Sache. Die wurden von einer Meute regelrecht vernichtet.

Glasner: Davor hat man immer Angst.

Berliner Morgenpost: Auch heute noch?

Glasner: Auch heute noch. Als "Der freie Wille" lief, habe ich echt Angst gehabt, was da passieren kann. In einem so großen Saal wie dem Berlinale-Palast entsteht schon ein riesiger Druck.

Schmid: Und doch, trotz oder gerade wegen aller Sorge und Ungewissheit, ist der Moment der Premiere einzigartig.

Berliner Morgenpost: Spüren Sie denn auch einen Konkurrenzdruck untereinander?

Petzold: Nein, überhaupt nicht. Es ist gut für das deutsche Kino, wenn alle Filme gut sind.

Glasner: Ich geb dir völlig recht. Trotzdem würde ich lieber mich gewinnen sehen als euch beide.

Petzold: Natürlich werden die deutschen Filme besonders beäugt. Das ist wie beim Fußball: Als Erich Ribbeck Nationaltrainer war, hab ich immer zu den anderen gehalten. Muss ich jetzt echt mal gestehen. Das war so ein fürchterlicher Fußball, da fühlte ich mich nicht repräsentiert. Du fieberst ja nicht mit der deutschen Mannschaft, weil du deutschnational bist, sondern weil die etwas mit deinem eigenen Leben zu tun hat. Das ist wie der deutsche Film in den Neunzigern: Das waren entsetzliche Jahre, da ging man nicht gern ins Kino, weil die Filme mit deinem eigenen Leben nichts zu tun hatten. Gar nichts.

Glasner: Wenn der Fußball so ist, wie er jetzt ist, guckt man wohlwollend drauf. Aber wenn der deutsche Film schwach ist, sieht man auch vor allem die Schwächen. Grafs "Felsen" war einer meiner großen Berlinale-Erlebnisse, wie der zerpflückt wurde, das habe ich nie verstanden. Da hätte ich mich fast mit Armin Rohde geschlagen, als der über den gelästert hat.

Berliner Morgenpost: Der Berlinale wird ja immer vorgeworfen, sie gehe zu sehr in die Breite. Freut man sich noch, im Wettbewerb zu sein, oder hat man Angst, in der Flut der Filme unterzugehen?

Schmid: Für die Zuschauer finde ich es schade, dass sie auch nicht annähernd die Möglichkeit haben, das ganze Angebot auszuschöpfen. Aber das ist eben der Preis für die Vielfalt.

Petzold: Die Unübersichtlichkeit ist richtig. Das ist doch wie die Stadt selber: Die ist so zentrumslos, da gibt es lauter Kieze nebeneinander. Von mir aus kann die Berlinale in alle Richtungen hinausmäandern.

Glasner: Wir dürfen uns nicht beschweren. Im Wettbewerb haben wir die Aufmerksamkeit. Aber es ist schon so, im Panorama, wo ich meine ersten drei Filme gezeigt habe, wirst du jetzt weniger wahrgenommen. Heute gehen schon viele Filme unter.

Berliner Morgenpost: Helmut Dietl hat kürzlich über die Berlinale gelästert: "Das macht Sinn, wenn Sie ein Nazi- oder Stasi-Thema haben oder sonst was Tiefschürfendes, wie manche Berliner Kollegen". Fühlen Sie sich da angegriffen?

Petzold: Das Politische, ja, das ist ein bisschen das Problem bei der Berlinale. Dass man glaubt, mit gewissen Botschaften andere Defizite aufzuwiegen.

Berliner Morgenpost: Mit dem "Tiefschürfenden" meint Dietl aber natürlich Werke wie die Ihren.

Schmid: Wenn ein Film wie "Zettl" die Alternative ist, dann habe ich überhaupt kein Problem damit, ein tiefschürfender Berlinale-Regisseur zu sein.

Berliner Morgenpost: Dietl hat als Outsider einen Berlin-Film gemacht, Sie sind mit Ihren neuen Filmen alle weit nach draußen gegangen. Purer Zufall?

Glasner: Wenn ich all unsere Filme betrachte, machen wir doch eigentlich alle keine Berlin-Filme.

Petzold: "Gespenster". Mein einziger.

Glasner: Ist aber schon interessant. Wir leben alle, drehen aber nicht hier.

Schmid: Nur weil das eine offenbar weltweit angesagte Kapitale ist, muss mein nächster Film jetzt nicht auch hier spielen. Und die Zerrissenheit der Stadt lässt sich ohnehin nur schwer darstellen.

Petzold: Berlin-Filme müssen Zugereiste machen, die von weit her kommen.

Schmid: Sind wir doch auch alle.

Petzold: Aber schon zu lange hier.

Berliner Morgenpost: In Zeiten von Downloads, Beamer und Plasmabildschirmen: Ist Kino, sind Festivals noch das richtige Format für Filme?

Glasner: Ich hab auch meinen Beamer. Ich sammle auch gern, was man nicht so kriegen kann. Aber all das ersetzt nicht das Live-Erlebnis. Das sieht man ja schon in der Musikindustrie, dass die CDs verschwinden, aber die Livekonzerte wieder interessanter werden.

Petzold: Es gibt ja inzwischen schon Internetfestivals. Das ist so ziemlich das Einsamste, was man sich vorstellen kann. Warum gehen die Leute denn auf Festivals oder ins Kino? Wegen des Gemeinschaftsgefühls. Weil sie danach lechzen, sich mit Menschen übers Kino zu unterhalten.

Schmid: Deshalb sind gerade heute Festivals so wichtig. Am Ende der Verwertungskette stehen dann ja eh Downloads, Youtube undsoweiter.