Film

Wenn die Mutter mit dem Sohne

Familienbande im Film? Es gibt wahre Schauspielerclans. Aber hinter der Kamera ist das eher selten. Man kennt Regie-Geschwister wie die Coen-Brüder oder die "Matrix"-Wachowiaks, auch Ehepaare wie einst Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta.

Percy Adlon dreht auch mit seinem Sohn Felix. Aber Heide und Christian Schwochow: Das ist schon eine seltene, einzigartige Verbindung. Gemeinsam haben Mutter und Sohn das Drehbuch zu "Novemberkind" geschrieben, das der Filius dann inszeniert hat. Es war 2009 der Überraschungserfolg. Nächste Woche startet nun ihr nächster Film, "Die Unsichtbarer", ein Drama aus dem Theaterbereich, in dem ein sadistischer Regisseur (Ulrich Noethen) Schauspieleleven bis zum Zusammenbruch triezt.

Wird der 33-Jährige jetzt als Muttersöhnchen verspottet? Kurze, irritierte Stille. "Nein", sagt der Sohn, "Sie sind der Erste, der das sagt." Schon aber fängt er sich: "Ich würde das gar nicht negativ auffassen. Ich bin stolz darauf, dass ich so gut mit meiner Mutter kann." Und die Mama bestätigt das: "Es gibt viele, die uns um diese Beziehung beneiden." Sie wirken ein wenig angespannt und steif, wie sie da beim Plausch im Brandenburger Hof nebeneinander sitzen. Manchmal verschränken sie beide, ohne es zu bemerken, gleichzeitig die Arme vor der Brust. Synchronabwehr. Aber Autoren fühlen sich nun mal wohler im Hintergrund. Und etwas unangenehm ist es ihnen schon, über ihr "Mutter-Sohn-Ding" zu sprechen. "Novemberkind" war Schwochows Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, als der herauskam, kannte ihn noch keiner und bei der Ko-Autorin dachte man noch an eine Gattin. Spätestens als die beiden 2009 beim Deutschen Filmpreis für ihr Drehbuch nominiert waren, wusste man es besser. Und jetzt scheint das Interesse an ihnen fast größer als an ihrem Film. Tatsächlich sei das gar kein "Mutter-Sohn-Ding". Denn als der Sohn studierte, tauschte er sich mit seiner Mutter, einer Theater- und Hörspielregisseurin, aus. Als er erste Scripts verfasste, las sie die durch. Aus Spaß entwickelten sie dann einen Kurzfilm miteinander, "Marta und der fliegende Großvater". Und "wie ein Wunder", so die Mutter: "Es lief gut." Der Sohn, Abwehr in den Armen, Emphase in den Worten, attestiert: Schreiben sei ein sehr einsamer Prozess. "Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich das nicht allein machen möchte." Aber, betont er, es sei "gar nicht so leicht, jemanden zu finden, mit dem man das machen kann."

Ein Geschenk also. Während man in der Tat oft davon hört, dass die Eltern den Beruf ihrer Kinder nicht verstehen, sind sich Heide und Christian Schwochow noch einmal ganz neu begegnet. Nicht als Mutti und Sohnemann, sondern als gleichberechtigte Partner. Die Mutter hat quasi neben dem Sohn mit-studiert, hat sich mit ihm entwickelt. Klar - die Frage muss kommen, deshalb auch die verschränkten Arme - klar gibt es auch mal Streit. Er: "Gibt es immer." Sie: "Ja, immer." Beide: "Das gehört aber dazu." Bei Fremdpersonen sei man vielleicht vorsichtiger, höflicher. Es sei auch eine Chance, wenn man sich die Wahrheit ins Gesicht sagen kann. "Das kann dann auch auf Verletzungen treffen", weiß die Mutter. Aber das Gute sei, so der Sohn, "dass da bei uns nichts bleibt. Sonst würde es such nicht gehen."

Schwieriger ist es wohl für den Rest der Familie. Wir stellen uns das so vor: Die Weihnachtsgans wird aufgetischt und die Drehbuchprobleme kommen gleich mit auf den Tisch. Volltreffer: Das sei schon so. Die Familie ist aber gar nicht so groß und hockt auch nicht so oft beisammen, das hat also, O-Ton Mutter "nicht so etwas Inzucht-Mäßiges". Die Gefahr sei vielmehr eine andere: dass man sich nur noch zur Arbeit trifft. Und nicht mehr als Familie.

Gerade hat Christian Schwochow einen Film "allein" gedreht. "Der Turm", nach Uwe Tellkamp. Ein Angebot, das man nicht abschlagen konnte, bei dem das Drehbuch aber bereits fertig vorlag. Es geht also auch ohne Mutti. Muss aber nicht. Das nächste Projekt wollen sie gern im Herbst angehen, eine Adaption von Julia Franks "Lagerfeuer". Und sie haben auch schon weitere Projekte im Kopf. Die Zusammenarbeit, schwant der Mutter, werde sich aber verändern, weil 'der Christian' durch das viele Regieführen nicht mehr so viel am Schreibtisch sitzen wird. Je mehr man Regie führen kann, so 'der Christian', desto fahrlässiger könne man aber auch werden. Da wird der Mutter vielleicht noch eine ganz andere Rolle zuwachsen: als Kontrollinstanz.

Abspann: Kaum ist das Gespräch beendet, fällt die Abspannung von den Schwochows sichtlich ab. Jetzt müssen sie nicht mehr über das "Mutter-Sohn-Dings" reden. Jetzt können sie es wieder leben.