Interview

"In der Hierarchie komme ich nach den Meerschweinchen"

Bestens gelaunt kommt Ingolf Lück direkt von der Probe zum Interview. Er inszeniert "Traumfrau Mutter reloaded" im Theater am Kurfürstendamm, morgen hat das Stück Premiere. Heute Abend tritt er noch mit seinem Solo-Programm "Lück im Glück" bei den Wühlmäusen auf. Der 53-Jährige lebt mit seiner Familie, die Kinder sind sechs und zwölf Jahre alt, in Köln, hat aber auch noch seine alte Studentenbude in Berlin. Mit Ingolf Lück sprachen Pinar Abut und Stefan Kirschner

Berliner Morgenpost: Herr Lück, wo gibt es die beste Pizza der Welt?

Ingolf Lück: In Kreuzberg.

Berliner Morgenpost: Sie können sich noch daran erinnern?

Ingolf Lück: Na klar. Das habe ich doch in dieser Pizzeria an die Wand geschrieben. Ich gehe da immer noch gern hin.

Berliner Morgenpost: Schön, dass Sie den Namen verschweigen, wir wollen ja keine Schleichwerbung machen. Sie wohnen da in der Nähe?

Ingolf Lück: Ich habe am Südstern noch meine Studentenbude. Zweites Hinterhaus Parterre, morgens kommt ein Fleck Licht rein, der ist aber ganz schnell verschwunden - und im Moment ist es sehr, sehr kalt. Ich habe die seit 1982. Damals hatte die noch Ofenheizung, aber schon ein Innenklo.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie die nie aufgegeben?

Ingolf Lück: Ich bin oft in Berlin und muss dann nicht im Hotel wohnen, das ist toll. Und außerdem ist es eine Art Talisman. Immer, wenn ich aus dieser Wohnung kam und etwas gemacht habe, dann klappte das. Außerdem wohnen auch Freunde darin, wenn sie hier Theater spielen. Früher hat jeder, der kam, etwas für die Wohnung da gelassen und musste dafür keine Miete zahlen. Der eine einen Tisch, der andere Besteck, das er lustig fand. So ist diese Wohnung chaosmäßig von 25 Leuten eingerichtet worden.

Berliner Morgenpost: Sie sind viel unterwegs. Wie oft sehen Sie Ihre Kinder?

Ingolf Lück: Viel zu wenig und wie alle Väter, die arbeiten, habe ich ein absolut schlechtes Gewissen. Wenn ich nach Hause komme, muss ich mich in der Hierarchie wieder hinter den Meerschweinchen anstellen. Dann arbeite ich mich zwei Wochen lang nach vorn, dass ich wenigstens wieder wahrgenommen werde, und dann muss ich auch schon wieder weg.

Berliner Morgenpost: In "Traumfrau Mutter reloaded" stehen ausschließlich Schauspielerinnen auf der Bühne. Wie ist es, nur mit Frauen zusammen zu arbeiten?

Ingolf Lück: Ich als Regisseur habe nichts zu melden. Und wenn ich meckere, muss ich auf die stille Treppe und kriege Strafarbeit. Die ganze Front absolut gegen mich. Das anstrengende an den Proben ist, dass wir überhaupt zum Proben kommen, weil alle Eltern sind und dauernd gequatscht und getratscht wird. Ich bin eigentlich nur dort, um zu sagen: "So Mädels, jetzt machen wir eine halbe Stunde Probe - und dann können wir weiter tratschen."

Berliner Morgenpost: Wie wichtig war es, dass die Schauspielerinnen auch tatsächlich Mütter sind?

Ingolf Lück: Jeder, der einen Mörder spielt, muss keinen Mord begangen haben, aber in diesem Fall wollten wir uns die Chance einfach nicht entgehen lassen. Die Frauen und Mütter im Publikum merken das. Die Schauspielerinnen sind glaubwürdiger. Das macht es natürlich nicht einfacher bei den Proben, wenn nicht nur die Kinder, sondern auch die Babysitter krank sind. Wir müssen uns immer organisieren und es gibt Listen, wer wann kann.

Berliner Morgenpost: Im Fernsehen sind Sie momentan seltener zu sehen. Vermissen Sie diese Arbeit?

Ingolf Lück: Nein, aber wenn ich mein Soloprogramm habe, denke ich: "Ach, jetzt wäre es schön im Ensemble zu arbeiten." Wenn ich mit einem Ensemble spiele, denke ich: "Ach wie schön wäre es, wenn ich ganz alleine mit dem Publikum wäre." Wenn ich im Theater bin und es ist kalt, sehne ich mich zum Fernsehen, wo man gepampert wird und viel Geld bekommt. Und umgekehrt denke ich beim Fernsehen: "Hier riecht es gar nicht wie im Theater."

Berliner Morgenpost: Sind Sie unzufrieden?

Ingolf Lück: Ich bin ein tätiger Pessimist. Was mich antreibt, ist die Unzufriedenheit. Das bedeutet nicht, dass ich schlecht gelaunt durchs Leben gehe. Wenn man erwartet, dass zehn schlechte Dinge passieren und davon nur fünf eintreten, dann ist man als Pessimist glücklich.

Berliner Morgenpost: Hat es Sie enttäuscht, dass die Neuauflage der "Wochenshow" nicht gut lief?

Ingolf Lück: Enttäuscht nicht, ich kenne ja die Mechanismen des Fernsehbetriebs. Das lief ja gut. Es wurden acht Folgen gemacht. Wir waren in der Hölle des "Fun-Freitags", außerdem gab es parallel ein Euro-Qualifikationsspiel der Männer. Wir sind bei zehn Prozent Marktanteil angekommen. Das ist immer noch Senderschnitt. Aber der Sender konnte sich aus finanziellen Gründen nicht entscheiden, die "Wochenshow" weiter zu machen. Offenbar haben sich viele Zuschauer nach der alten Besetzung gesehnt, diese Art der Geschichtsklitterung gibt es auch bei Fernsehsendungen. Ich hätte mir gewünscht, dass der Sender uns 15 bis 20 Folgen machen lässt. Aber ich werde trotzdem weiterhin Konzepte fürs Fernsehen entwickeln, auch wenn ich schon fast alles gemacht habe.

Berliner Morgenpost: "Wetten, dass..?" haben Sie noch nicht moderiert.

Ingolf Lück: Stimmt, deswegen habe ich ja die ganze Zeit mein Handy an.

Berliner Morgenpost: Sind Sie gekränkt, das man Sie noch nicht gefragt hat?

Ingolf Lück: Nein. Doch. (lacht) Als noch die Idee im Raum stand, dass Hans-Peter Kerkeling das machen sollte, da habe ich vorgeschlagen, ich übernehme das jetzt als Gottschalk - also in meiner Gottschalk-Verkleidung, die ich ja gut machen kann - und führe dann ganz langsam rüber zu Kerkeling, so dass es keiner merkt. Also wenn man mich gefragt hätte, ich hätte es gemacht, klar.

Berliner Morgenpost: Jetzt haben Sie das Radio für sich entdeckt und moderieren für vier Privatsender in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die "Ingolf Lück Show". Ist es Ihnen schwer gefallen, zu einem Medium zu wechseln, wo man Sie gar nicht sieht?

Ingolf Lück: Ja, ich habe Radio immer abgelehnt, weil ich jemand bin, der rumlaufen und den man sehen muss. Wenn man wohlmeinend ist, sagt man, der Lück ist polyglott aufgestellt. Wenn man mir nicht wohl gesonnen ist, dann sagt man, er weiß ja gar nicht genau, was er macht. Ich will mich weiterentwickeln, ich brauche als Künstler neue Sachen. So verstehe ich meinen Beruf, deshalb mache ich viele verschiedene Dinge. Im Radio moderiere ich eine monothematische Sendung, in der ich viele Interviews machen kann.

Berliner Morgenpost: Moderieren Sie live?

Ingolf Lück: Nee, wir zeichnen auf, aber Anrufe gibt es trotzdem. Ich trage Kopfhörer mit einem Mikrofonbügel, das heißt, ich kann im Studio rumlaufen. Wir haben gerade eine Sendung zum Thema "Fitness" aufgezeichnet, da hatten wir so einen Ironman-Typen im Studio, und ich habe dann 150 Liegestützen gemacht. Danach ist mir aufgefallen: Das hat ja jetzt keiner gesehen!