Interview mit Kurt Masur

"Früher war ich neugieriger"

Kurt Masur ist der gegenwärtig wohl populärste deutsche Dirigent. Einer, der angesichts der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 auch politisches Format bewies. Danach zog es den langjährigen Gewandhauskapellmeister nach New York und in die große Musikwelt.

In Berlin hat sich der Altmeister, Jahrgang 1927, leider rar gemacht. Zuletzt dirigierte er im November 2010 an der Komischen Oper, dort, wo er in den sechziger Jahren Chefdirigent war. Heute gastiert er mit dem Philharmonia Orchestra London in der Philharmonie. Volker Blech sprach mit dem Stardirigenten.

Berliner Morgenpost: Warum kommen Sie nur noch selten nach Berlin?

Kurt Masur: Wenn man so viel wie ich in den USA ist, dann will man nicht mehr dauernd hin- und herreisen. Und ich habe im Moment schon zu viel Durcheinander, zu viele Länder, obwohl es überall aufregende Projekte sind. Zweifellos wächst auch anderswo viel Beglückendes heran, zum Beispiel in Asien. Und so fliege ich auch dort wieder hin. Aber Berlin ist für mich immer ein Mittelpunkt geblieben. Auf der anderen Seite gibt es in der Stadt viele namhafte Leute. Und das Publikum will sicherlich auch die jungen Leute erleben und nicht nur den alten Masur.

Berliner Morgenpost: Welchem Orchester, welcher Stadt gehört derzeit Ihr Herz als Dirigent?

Kurt Masur: Das kann ich so gar nicht sagen. Aber ich bin so weit, dass ich nur noch dort hinfahre, wo ich gerne hin möchte. Zweifellos ist mein Verhältnis zur Boston Symphony noch viel enger geworden als vorher. Die New York Symphony ist eine alte Beziehung, das Orchester und das Publikum sind mir sehr vertraut. Philadelphia ist für mich immer ein Ereignis.

Berliner Morgenpost: Wie viele Konzerte dirigieren Sie noch pro Jahr?

Kurt Masur: Ich glaube, so um die 60. Dazu kommen Meisterklassen und auch anderes.

Berliner Morgenpost: Sie können sich die Werke aussuchen, die Sie dirigieren. Gibt es etwas, was Sie jenseits der Achtzig lieber beiseite schieben?

Kurt Masur: Bei allen älter werdenden Dirigenten gibt es etwas, was sie von ihrer Repertoireliste streichen. Einiges, was sie nicht mehr wollen oder Angst davor haben, es nicht mehr so gut machen zu können. Oder sie haben das Gefühl, mit einem bestimmten Orchester besser nur diesen oder jenen Komponisten zu spielen. Das sind ganz persönliche Kriterien, die andere gar nicht begreifen können.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn Werke oder Komponisten, die Sie nicht mehr machen wollen?

Kurt Masur: Es gibt gewisse Kompliziertheiten in den musikalischen Strukturen, wo ich sage, das können andere besser umsetzen. Für zeitgenössische oder komplizierte Werke braucht man eine gewisse Einstellung. Früher war ich neugieriger - und habe dann im Nachhinein gemerkt, dass ich lieber die Finger davon lasse. Oder ein anderes Beispiel. Ich sollte gerade eine Neuaufnahme von Mahlers "Sinfonie der Tausend" machen und bekam jene in die Hände, die Klaus Tennstedt mit den Londonern eingespielt hatte. Die war so verdammt gut, dass ich mir sagte, besser kann ich's auch nicht.

Berliner Morgenpost: Sie engagieren sich fürs Bonner Beethovenhaus, in Leipzig für Mendelssohn. Sind diese Komponisten Ihre Leidenschaft?

Kurt Masur: Absolut. Bei Mendelssohn ist es eine sehr frühe Neugier. Bereits meine Klavierlehrerin gab mir seine Musik, die eigentlich bei den Nazis verboten war. Sie sagte mir, wenn du übst, mach bitte die Fenster zu. Es waren seine Lieder ohne Worte. Das hat Wurzeln geschlagen. Ich glaube, dass viele Menschen Mendelssohn nur deshalb als oberflächlich ansehen, weil sie nicht begreifen, welche Größe dieser Mann hat.

Berliner Morgenpost: Als langjähriger Gewandhauskapellmeister und heutiger Ehrendirigent sind Sie sozusagen ein Leipziger. Eine andere Institution, der Thomanerchor, feiert gerade das 800-jährige Bestehen. Was verbindet sie?

Kurt Masur: Die Thomaner werden nur vom Thomaskantor und niemand anderem dirigiert. Wobei der amtierende Thomaskantor Georg Christoph Biller zum Teil einer meiner Schüler war. Er ist ein wirklich berufener Mann, sowohl von der religiösen als auch der musikalischen Seite her. Und dann: Das Gewandhausorchester ist dasselbe, das auch in der Thomaskirche spielt.

Berliner Morgenpost: Wem gehört der große Thomaskantor Johann Sebastian Bach heute mehr: den Thomaner oder dem Gewandhaus?

Kurt Masur: Keiner kann Bach für sich allein beanspruchen. Beethovens Satz, er müsste Meer heißen und nicht Bach, beinhaltet seine Dimension. Bach hat eine ganze Generation angeführt und bis heute seinen Einfluss nicht verloren. Allein wer sich an einer kunstvollen Fuge versucht, kommt an ihm nicht vorbei.

Berliner Morgenpost: Jetzt sind Sie wieder in Berlin, was tun Sie hier jenseits der Konzerte am liebsten?

Kurt Masur: Wenn das Wetter besser ist, laufe ich gerne herum. Auch wenn Berlin eigentlich keine Stadt für Spaziergänger ist. Ich studiere immer sofort, was musikalisch alles stattfindet und welche Ausstellungen gerade laufen. Ich schaue auf die Nachwuchspflege. Berlin ist eine dynamische Stadt. Und außerdem bin ich ja in Schlesien geboren. Und wie heißt es: Der richtige Berliner kommt von dort. Ich fühle mich immer sehr aufgehoben in Berlin.

Berliner Morgenpost: Alle reden vom Euro und seiner Krise. Dirigenten sind Weltreisende oder, wie man heute sagt, Global Player. Was meinen Sie?

Kurt Masur: Da kümmere ich mich weniger drum. Mit meiner Frau Tomoko spreche ich ab und zu mal darüber, weil wir Kinder haben und über deren finanzielle Zukunft in Deutschland nachdenken. Aber im Großen und Ganzen ist mein Beruf so gelagert, dass man sich frühzeitig abgewöhnen muss, zuviel ans Geld zu denken. Sonst wird man zwar ein teurer Künstler, aber nicht unbedingt ein gefragter.

Philharmonie Kurt Masur dirigiert das Philharmonia Orchestra London. Tel. 826 47 27 Heute 20 Uhr