Debütroman

Wütend, ruppig, verletzt

Mascha Kogan hat mit dem lieben Gott einen kleinen Deal vor. Nichts Bedeutendes für den Allmächtigen, der unzählige solcher Fälle jeden Tag bearbeitet, aber für Mascha ist das eine große Sache.

Es geht um Elias, ihren Freund, der im Krankenhaus liegt, und einen Hasen, der auf der Straße ist und dem es auch nicht richtig gut geht. Zumindest hat er rote Augen, sein Fell ist staubbedeckt, und er lässt sich einfach einfangen. Jedenfalls bietet Mascha an, dass sie den Hasen tötet, wenn Gott Elias leben lässt. Sie geht zu dem Hasen, beugt sich zu ihm und streichelt ihn, den niedlichen, zu ihr aufblickenden Hasen: "Ich bat ihn um Verzeihung und ließ den Stein wieder fallen, dieses Mal traf ich, sein Schädel zerplatzte, das Gehirn lief aus, vermischte sich mit Blut und Knochensplittern." Und, was soll man sagen: Elias überlebt diese kritischen Tage.

Sprache auf Sprache lernen

Verantwortlich für diese - zumindest aus Hasensicht - Grausamkeit ist Olga Grjasnowa. Sie ist in Baku, Aserbaidschan, aufgewachsen und testet in ihrem Debüt die Balance zwischen Gefühl und Härte neu aus: Mascha ist eher wütend als freundlich, eher ruppig als verbindlich, eher verletzt als larmoyant. Olga Grjasnowa wagt nach einem Drittel des Buches einen nicht ungefährlichen Schnitt. Denn Elias überlebt nicht, auf einmal geht eine Hauptperson, mit dem man sich gerade angefreundet hat, verloren. Elias geht zum Fußballspielen, Mascha warnt ihn noch, er pöbelt ein wenig herum ("Brauche ich einen Migrationshintergrund, um Fußball zu spielen?"), bricht sich das Bein, erholt sich auf Kosten des Hasen, wird entlassen und stirbt zu Hause. Maschas Leiden nimmt seinen Anfang - ihr Körper streikt, fällt von einer Krankheit in die nächste: "Ich unternahm nichts, um gesund zu werden, aber Todessehnsucht allein reicht nicht aus."

So verrutscht ein Leben, das sich gerade auf der richtigen Spur zu befinden schien. Sie studiert Sprachen in Frankfurt an der Universität, beherrscht englisch, französisch, spanisch, italienisch, ein wenig polnisch, arabisch und deutsch und russisch sowieso. Mascha hat ihre Lektion gelernt, die Deutschland von ihr verlangte. Als sie mit ihren Eltern nach Frankfurt kam, konnte sie kein Deutsch, wurde in der Schule zurückgestuft und lernte auf dem Ausländeramt:"Wer kein Deutsch sprach, hatte keine Stimme, und wer bruchstückhaft sprach, wurde überhört." Sie macht in den Jahren als junge Erwachsene kaum etwas anderes, als Vokabeln und Grammatik zu lernen. "Ich war diszipliniert und hungrig nach Erfolg."

Olga Grjasnowa hat einen eigenen, rauen und zugleich verzweifelten Ton gefunden, der anders ist als bei der Mehrzahl jüngerer deutscher Schriftsteller, deren Protagonisten in der Mischung aus Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit und Sinnsuche gefangen sind. Mascha fragt sich nicht nach einem Lebensentwurf, weil ihr ihre Herkunft nicht viele Wahlmöglichkeiten gegeben hat. Sie kennt die Brutalität ihrer Mitmenschen aus ihrer Kindheit in Aserbaidschan, nachdem der Konflikt um Bergkarabach 1988 eskalierte, und will nur noch das Elend hinter sich lassen.

Mascha ist ein multipler Therapiefall. Sie versucht die Zeiten zu verdrängen, als auf einmal Armenier und Aserbeidschaner sich massakrierten, verstümmelten, vergewaltigen. Und dann auch noch Elias' Tod: Die Jahre mit ihm, da ist sie machtlos, lassen sie sich nicht los. Sie erinnert sich, dass "mein Körper perfekt in seinen passte", sie wartet darauf, dass er nach Hause kommt und "sucht in jedem S-BahnWaggon nach seinem Gesicht." Für die Verlassene ist jede Nacht die Hölle, in der sie erst nicht einschlafen kann und dann die Albträume folgen. Und was sie wirklich hasst, ist, wenn sie jemand als multiplen Therapiefall bezeichnen würde.

Ist sie eine hilflose Frau?

Denn in ihrem Selbstbild ist sie gern eine selbstbewusste, eigenständige Frau, die ein, um im Psychojargon zu verweilen, selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führt. Sie hat Sex mit Männern und Frauen, mit Präferenz für Männer, sie geht auch in der Leidenszeit von Elias mit ihrem Ex-Freund ins Bett, ohne dass diese eine Nacht ihr etwas bedeutet oder gar einem Verrat gleichkommen könnte, weil sie weiß, dass sie zu Elias gehört.

An der Stelle muss auf eine (selbst für ihre Verhältnisse) obskure Kritik von Sigrid Löffler verwiesen werden, die sich im "Kulturradio" über das Frauenbild ereifert. Demnach würde Mascha erst postfeministisch alle Freiheiten einnehmen und dann, als die Trauer um Elias beginnt, zu "einer hilflosen Frau mit tausend Ängsten werden", die dann "nur von einem "Ritter aus der misslichen Lage errettet werden kann". Die Gender-Theorie habe, so die Rezensentin, diesen "Topos längst durchanalysiert (und verworfen)". Es ist ein nahezu stalinistisch daherkommendes Diktum, das die Gender-Theorie (als wenn es nur eine gäbe) als eine umfassende Autorität überhöht, die bestimmt, wie frau 2012 mit Trauer und Verlust in Literatur und im echten Leben umzugehen hat. Was bei diesem kalten Herangehen fehlt, ist die Empfänglichkeit für die Schmerzen Anderer, ein Mindestmaß an Empathie, das nötig wäre, um zu erkennen, dass das Leben nach einem fürchterlichen Verlust keine Frage der Geschlechterzugehörigkeit ist.

Später dann flüchtet Mascha nach Israel, der nächste Konfliktherd, in der sie wahlweise Partei für die Araber oder die Juden ergreift, Hauptsache, es ist die Gegenposition. Ihre Reise durch das Land ist unentschlossen, bloß einfach weg, sie will sich an den einen oder anderen Menschen binden und stößt ihn im nächsten Moment wieder weg. Sie will zurück nach Deutschland und dann wieder doch nicht, lieber bleiben, "mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln".

Olga Grjasnowa gehört zu den jüngeren Schriftstellerinnen, die an den Rändern der früheren UdSSR aufwuchsen und sich in die USA oder nach Deutschland aufmachten. Ihre Romane sind durchtränkt vom grimmigen Willen, das Erlebte hinter sich zu lassen und in der westlichen Welt klarzukommen, obwohl die sich selten entgegenkommend zeigt. So hat Anya Ulinich aus Sibirien vor einigen Jahren mit "Petropolis" einen Auswandererroman vorgelegt, mit reichlich Situationskomik, in der eine junge, etwas tramplige Frau, die in Sibirien an einem Ort mit dem interessanten Namen "Asbest 2" groß wird, stets daran glaubt, "am Anfang eines direkten Wegs ins Glück" zu stehen". Bei Ulinich ist die Hauptfigur Sascha auf der Suche nach ihrem Vater in den USA, bei Alina Bronsky in "Scherbenpark" will die Hauptfigur Sascha ihren Stiefvater umbringen. Hier ist keiner unentschieden, unverbindlich und zögerlich. Aber Olga Grjasnowa ist die unversöhnlichste der drei Autorinnen. Sie ist nicht bereit, ihrer Heldin Mascha zu einem wackeligen Happy End zu verhelfen.

Sie will zurück nach Deutschland und dann doch wieder nicht, lieber bleiben, "mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln"

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. Hanser, 288 Seiten, 18,90 Euro