Konzerte

Dirigieren geht über Komponieren: Andris Nelsons in der Philharmonie

Er ist ein Virtuose im Dirigieren. Um Andris Nelsons reißt sich inzwischen die Welt. Auch an der Spitze der Philharmoniker sah er sich mit Recht umjubelt. Zwei herausfordernde Werke standen auf seinem Programm: das Violinkonzert von Brahms und "Ein Heldenleben" von Richard Strauss. Dennoch gelang die Zugabe des Solisten Guy Braunstein: eine Süßigkeit für Violine von Fritz Kreisler.

Schon im Brahms-Konzert hatte er sein volles Können im Alleingang ausgestellt. Er spielte die selten zu hörende Kadenz, die Joseph Joachim einst Brahms abgetrotzt hatte: eine Tonfolge mit heftig ansteigenden geigerischen Herausforderungen. Braunstein war nicht der Einzige, der gefeiert wurde. In der Einleitung des Adagio dichtete Albrecht Mayer auf seiner Oboe die reine musikalische Herrlichkeit vor sich hin, assistiert dabei von den Kollegen Andreas Blau (Flöte), Wenzel Fuchs (Klarinette) und Daniele Damiano (Fagott). Es kam zu einem musikalischen Triumph der Ebenbürtigkeit, wie sie musikalisch eben nur die Philharmoniker zu bieten haben. Nelsons reizte ihre Kunst in Vollendung aus. Mitunter schien er das Violinkonzert zu einer sinfonischen Dichtung mit Geigenbegleitung umfunktionieren zu wollen. Er rückte es immerfort in den Vordergrund, gegen den Braunstein nun anzuspielen hatte, um als Solist angemessen hervorzutreten. Im Augenblick scheint es, als sei Nelsons etwas unangemessen deutlich mehr an seiner eigenen Schlag-Kunst interessiert als an jener kompositorischen der Meister, die er angemessen zu interpretieren glaubt. Dabei übertreibt er. Besonders deutlich wurde das natürlich im "Heldenleben", in dem man, trotz aller Bemühung von Daishin Kashimoto an der Solo-Violine, Michel Charme vermisste.

Natürlich klang das Bläsergekreisch der Widersacher, dem Strauss ein schier überdimensionales Gewicht verpasste, in seiner quäkenden Schrecknis verführerisch auf. Aber leider verfiel die Aufführung insgesamt durch die zusätzliche Kolossalität ihres Ausdrucksfimmels, zu dem Nelsons sein Orchester immer erneut hochbürstete. Sie war ihrem übereifrigen Interpreten entwischt. Nelsons wird bei all seiner schlagtechnischen Begabung wohl noch zielsicherer die Absichten der Komponisten anzusteuern haben als bisher.