Huxleys

Kirgisien, Nordkorea, Texas: Henry Rollins seltsame Berichte

Die meiste Zeit seines Lebens ist Henry Rollins nun ein Schreihals. In den achtzigern war der Amerikaner Sänger der Hardcore-Punk-Gruppe Black Flag.

Die spielten damals schneller und härter als die anderen, gleichzeitig öffneten sie diese total puristische Musik-Szene, die Punk nun mal ist, für andere Klänge. Fast avantgardistisch kann man so manche dissonanten Soli von damals nennen, das Schlagzeug groovte manchmal sogar zwischen Disco und Breakbeat. Ganz nebenbei erfand Black Flag so den neuen Sound der Westcoast. Rollins wütete dazu auf der Bühne wie ein Hurricane. Später kam seine eigene Rollins Band, in der "Henry Rollins Show" talkte er im Fernsehen mit Filmpromis wie Samuel L. Jackson und Werner Herzog, mit Musikern und US-Veteranen aus dem ersten Irakkrieg. Inzwischen bereist er für National Geographic die Welt, hat einen eigenen Verlag und ist so was wie ein Intellektueller.

Und wenn jetzt dieser 50-Jährige, er ist wahnsinnig groß und hat eine Frisur wie ein Marine, von 48 Scheinwerfern angestrahlt auf die Bühne im voll besetzten Huxleys kommt, dann ist Schluss mit Tuscheln. Die Stühle stehen so dicht aneinander, das man den Pils-Atem des Nachbarn riecht. Der Hüne wickelt sich das Mikrofonkabel wie früher als Punksänger um die linke Hand. Seine Arme sind von Tätowierungen gezeichnet. Das T-Shirt spannt um den kräftigen Oberkörper. Beim Sprechen kontrahieren seine Bauchmuskeln, als ob er Sport treiben würde. Er steht breitbeinig in Angriffsstellung.

Eine Spoken Word Performance soll das sein. Rollins spricht aber nicht, er schießt. Ohne je Luft zu holen, ohne dass überhaupt ein Glas Wasser in der Nähe steht, ballert er los. Im November finden in Amerika wieder Präsidentschaftswahlen statt. Die Vorwahlen, so findet Rollins es zumindest, seien das Spannendste. Wenn sich die Republikaner, in ihren Hasstiraden gegen Schwule, Sozialisten und die anderen Stereotypfeindbilder, die man als Republikaner eben haben muss, überbieten, findet er das köstlich. Er erwähnt Mitt Romney, der in Florida die Vorwahlen klar gewonnen hat. Er spricht von Rick Santorum, auch Republikaner, der in Iowa siegreich war. Zwischen solchen Leute entbrenne ein richtigerer Wettbewerb. Der eine sagt, er hasse Schwule. Der nächste hasst sie dann noch viel mehr. Gott stehe ihnen bei und so weiter. Diese Typen seien so homophob, dass sie vielleicht selber schwul seien. Da lachen dann die ersten, warum auch immer. Dass dieses Links-Rechts-Ding irgendwie total vorhersehbar und platt ist, interessiert keinen, und auch, dass er, wenn er von Republikanern spricht, immer einen texanischen Dialekt auflegt, Santorum kommt aus Virginia, Romney aus Michigan, scheint ganz okay zu sein. Sind trotzdem Rednecks, die wie Texaner sprechen.

Da sind seine Reiseberichte doch viel schöner und auch unterhaltsamer. Für National Geographic reiste Rollins mit einem Filmteam nach Indien, ging dort mit einem Stamm auf Schlangenjagd, aß mit den Jägern schließlich sogar gegrillte Rattenleber. Das Knacken vom brechenden Genick, bevor die gefangen Nager in einen Sack geschmissen werden, kann er bedenklich gut nachmachen. Seine Bauchmuskeln machen dabei Sit-Ups. In Nordkorea erzählte ihm sein Reisebegleiter Kim Witze ohne Pointe und erklärte, dass der ewige Führer Kim Il-sung sogar die Kartoffel erfunden hat. Wusste er noch nicht, sagt Rollins. Zurück in den USA, traf er den Terpentin trinkenden Pastor eines Schlangenkults. Solche Geschichten erzählt er ohne Unterlass. Geschichten, die auch ohne Bilder auskommen.

Knapp drei Stunden geht das dann so. Ohne Pause springt er von Kirgisien in den amerikanischen Supermarkt und auf Galerieeröffnungen mit Captain Beefheart. Langeweile kommt dabei nicht auf, der Kopf ist aber seltsam wirr, wie nach einer langen Reise mit wenig Wasser. Rollins' Programm heißt nicht zu Unrecht "The Long March".