Hildegard Knef

Wer kann schon so seufzen, keuchen, singen?

Stimmen wie diese werden heute leider nicht mehr hergestellt. Wie sie sich bei einem Wort wie "Traum" bis in die letzte Nuance hineinzittert. Wie sie das Wort "Perle" seufzt, wie sie mal keucht, mal knarzt, mal wispert, dann wieder hart wird, schneidend, fast grell - das lernt man in keinem Crashkurs für Popsternchen. Ich möchte wetten, bei "DSDS" wäre sie schon in der ersten Runde rausgeflogen - viel zu eigen, viel zu seltsam.

Hildegard Knef, eine der größten deutschen Sängerinnen - oder vielmehr "Nicht-Sängerinnen", wie Ella Fitzgerald ihr schmeichelte - verließ uns heute vor genau zehn Jahren. Ihre Stimme aber ist noch bei uns. Sie begleitet mich sogar Tag für Tag, und das nun schon seit Monaten.

Irgendwann im letzten Herbst hatte mich die kleine Hamburger Plattenfirma Bureau B angerufen. Ob ich nicht Lust hätte, ein ganzes Album mit Hildegard Knef zu machen. Natürlich quasi mit ihrem Geist. Eine LP mit Remixen ihrer Lieder. Alte Aufnahmen aus den frühen 70er Jahren standen zur Verfügung - nicht die ganz großen Evergreens wie "Rote Rosen", aber herrliche Stücke wie "Meine Lieder sind anders", "Ich hab mich so an dich gewöhnt" oder "Sie hat ihr Leben an den Kleiderhaken Mensch gehängt". Zwanzig tolle Titel, alle komplett in Einzelspuren von erlesenster Qualität. Damals war das ja noch so, dass das ganze Orchester gleichzeitig gespielt hat und nicht alles sauber hintereinander aufgenommen wurde. Stattdessen hatte jeder sein eigenes Mikrofon, und wenn dann so kompetente Drummer und Flötisten loslegten, dann entstanden Aufnahmen von unglaublicher Aura und Atmosphäre.

Anschließend sang Hilde ihre Lieder zu dieser Musik vom Kopfhörer, und ihre nackten, trockenen Gesangspuren..., nun, die sind wirklich magisch. Ein echtes Privileg, sich dies anhören zu können. Es ist oft sogar regelrecht ein bisschen spooky, eben geisterhaft, sie da so ganz einsam, ohne Begleitmusik und ohne Halleffekt zu erleben; sehr intensiv, gerade des Nachts. Denn es ist nicht nur ihr äußerst eigenwilliger, tief empfundener Diven-Darbietungs-Stil, es sind natürlich auch die eindringlichen, oft ungewöhnlichen Inhalte und Worte, der viele Schmerz, der "Vulkan der Angst", die "Krähe der Zeit". Nicht nur diese Art von Vortrag, auch diese Art von Texten gibt es heute nicht mehr: "Du mußt entscheiden, wie du leben willst / nur darauf kommts an / und mußt du leiden, dann beklag dich nicht, du änderst nichts daran". ("So oder so ist das Leben")

Viele ihrer Texte sind so: krass, real und doch poetisch - eigentlich fast wie bei gutem Rap. Mein Kalkül: wenn man das Schlagzeug und den Bass dieser alten Aufnahmen nicht im Mix versenkt, wie es früher üblich war, sondern weit nach vorne mischt, wie man es heute mag, ist man eigentlich schon fast da. Oder man lässt das Orchester vom Swing zu Reggae oder House switchen, mit den modernen Möglichkeiten von heute ist das kein Ding. Es genügt ein Laptop.

So reist Hildes Geist und der ihrer Band mit mir sogar im ICE durch die Republik, ständig von Köln in die Hauptstadt und zurück. Manchmal beschwert sie sich dann über das Publikum in der 1. Klasse: "Sie leben im Nebel ihrer Pläne und wähnen sich aus festem Stoff." Und ihr Geist warnt mich gar, ich "könnte werden wie jene da." So geschah es jedenfalls, ich schwör's, als ich gerade ihr Lied "Und wenn ich wage, dich zu lieben" bearbeitete, genau als wir durch Hannover rollten. Diese große Frau, diese Wahnsinns-Künstlerin, ist sogar zehn Jahre nach ihrem Tod noch am Puls der Zeit.