Neuer Film "The Descendants"

Harte Zeiten für George Clooney

Doch, es gibt ihn noch, den George-Effekt. Mögen auch manche hämisch attestieren, dass sein graumeliertes Haar nicht mehr meliert ist und er allmählich zu alt wird für die Rolle des coolen Verführers: Die Menschentrauben, die sich spontan bilden, wo immer Clooney auftritt, sprechen für sich. Der Konsum gewisser Kaffeekapseln ist durch ihn kräftig angestiegen.

Und dann entwickelt sich dieser Mann ja ganz nebenbei auch noch als ernst zu nehmender Regisseur, wie er gerade erst wieder mit "The Ides of March" bewies. Nein, George Clooney ist immer noch einer der wenigen echten Topstars, denen kaum einer das Wasser reichen kann.

Nun aber sieht man ihn, den man gern als Mister Cool bezeichnet, wie man ihn noch nie gesehen hat. In schrecklichem Hawaiihemd und in Badelatschen, in denen selbst er keine gute Figur macht. Schlimmer noch: Wir sehen ihn als Loser. Als einen, der von seiner Frau betrogen wird. Der Verführer als Betrogener! Und ja, auch das: George Clooney weint. Als einst "Ninotschka" mit Greta Garbo ins Kino kam, wurde geschlagzeilt: "Die Garbo lacht!" Hier müsste es ähnlich lauten: "Der Clooney weint".

Der Mann, der ihn zum Heulen brachte, heißt Alexander Payne. Und er ist ein Wiederholungstäter. Männer in der Krise scheinen seine Spezialität zu sein. Das hat er zuletzt in "Sideways" (2004) gezeigt. Und richtig interessant wird das erst durch eine gewisse Fallhöhe, wenn also eine Ikone wie Jack Nicholson in "About Schmidt" (2002) einen Rentner spielt, der, derart funktionslos, in Depression verfällt. Payne, das spricht sich wie pain aus, wie Schmerz also, und das ist es, was er seinen männlichen Antihelden mit Lust antut. Indem er sie als tragikomisch Scheiternde zeigt. Er entzaubert dabei typisches Männlichkeitsgebaren mit kühler Lakonie, er gibt seine Kerle der Lächerlichkeit preis. Doch er lässt sie da nicht stehen. Er macht sie uns gerade im Scheitern wieder sympathisch.

Er macht sich über sein Image lustig

Das geschieht nun auch mit George Clooney in "The Descendants - Familien und andere Angelegenheiten", der heute in unsere Kinos kommt. Schon in Filmen der Coen-Brüder hat sich Clooney über sein eigenes Image lustig gemacht. Aber noch nie ging er so weit wie jetzt bei Payne. Er ist ein Anwalt, der nur die Arbeit kennt. Der sich nie um die Familie kümmert. Mutti wird's schon richten. Bis die nach einem Bootsunfall ins Koma fällt. Plötzlich muss er sich um seine beiden Töchter sorgen, die ihm, wie er überrascht feststellt, höchst fremd sind. Und während er noch am Krankenbett der Gattin wacht, muss er - von seinen besten Freunden! - erfahren, dass sie ihn betrogen hat. In der tragischsten, der komischsten Szene rennt Clooney in besagten Latschen und besagtem Hemd durch die Straßen, auf dem Weg der Wahrheitsfindung.

Er macht sich lächerlich, wenn er die Suche nach dem Nebenbuhler als Wochenendurlaub tarnt und dem Konkurrenten schließlich hinter einer Hecke auflauert. Danke, George: Ähnliche Demütigungen und Niederlagen kennt so mancher Durchschnittskinozuschauer. Dass sie auch ihm passieren können, hat etwas Tröstendes. Obendrein, wenn er ausgerechnet mit Matthew Lillard betrogen wird, einem Schauspieler, der nie die Aura oder auch nur die Bekanntheit Clooneys erreichen wird.

Alexander Payne hat sich auch für den Schauplatz seiner Familiendramödie etwas Besonderes einfallen lassen: "The Descendants" spielt in Hawaii. Und Hawaii ist ja wie Clooney: Es hat dasselbe Sonnenscheinchen-Image. Auch da wähnen wir nur Luxus, Spaß, gutes Wetter und ewige Zufriedenheit. Aber Payne zeigt uns diesen 50. US-Bundesstaat, den Außenposten jottweedee im polynesischen Raum, fern von allen Touristenklischees. Auch da ertüchtigen sich die Bewohner nicht nur in täglichem Sonnenbad und Wellensurfen, auch da entfremden sich Familien, zerbrechen Ehen und machen sich gehörnte Gatten zum Gespött. Wenn auch in Badelatschen.

Die Landschaften Paynes sind stets eine Terra incognita und seine Filme Roadmovies, die sie durchkreuzen. In "About Schmidt" fuhr Jack Nicholson im Wohnmobil zu den Stätten seiner Jugend, in "Sideways" starteten zwei gescheiterte Männer eine Reise durch die Weinberge Kaliforniens, um Abstand zu bekommen. Und hier nun bricht George Clooney auf, mit der älteren Tochter (eine Entdeckung: Shaileene Woodly), deren Freund und seiner Jüngsten, die man ja nicht allein zuhause lassen kann.

Hier nun aber beginnt ein kleines, wohlkalkuliertes Filmwunder. Denn in dem Moment seiner größten Demütigung erwärmt sich der Film für diese arme Clooney-Figur, dessen Rollennamen Matt King man nur als traurige Ironie verstehen kann. Die Reise wird, wie so oft in einem Roadmovie, auch bei diesem Insel-Hopping zu einer Reise zu sich selbst. Zu der Erkenntnis, dass dieser Matt King immer an seiner Familie vorbei gelebt hat. King hat zwar eine Frau verloren (irgendwann entschließt man sich, die lebenserhaltenden Geräte abzuschalten), aber er ist dabei, zwei Kinder zu gewinnen. Und er beginnt erstmals, Verantwortung für sie zu übernehmen.

Alexander Payne genießt in Hollywood Kultstatus. Er ist der König des Arthouse-Films. Einer, der das seltene Recht auf den Final Cut besitzt, also auf die kreative Kontrolle. Das geht natürlich nur, weil seine Filme kein allzu großes Budget benötigen und stets ein Mehrfaches einnehmen. Und der Preis ist auch mal, dass er acht Jahre warten muss, bis er den nächsten Film realisieren kann. Genau so viel Zeit ist zwischen "Sideways" und "The Descendants" verstrichen, trotz aller Golden Globes und Oscar-Nominierungen, die jener Film eingebracht hat.

Fünf Mal im Oscar-Rennen

Auch "The Descendants" ist jüngst mit zwei Globes ausgezeichnet worden und geht mit fünf Nominierungen ins Oscar-Rennen. Der Film ist sogar, trotz des "Außenpostens" Hawaii, eine der wenigen ur-amerikanischen Produktionen, der gegen überwiegend im Ausland, in der Alten Welt gedrehte Konkurrenten antritt. Das freilich ist ein Fakt, der Paynes Werk ein wenig überfrachten mag. Andererseits wartet sein leicht vorhersehbarer Schluss mit einem solch klassischen Hollywoodrührstück auf traditionelle Familienwerte auf, dass das die große Nation tatsächlich vereinen könnte.