DT-Kammerspiele

Pyjama-Party am Küchentisch

Wer je in einer WG lebte, kennt das ja: Mal wieder war jemand mit dem Wurstmesser in der Samba Haselnuss-Schokocreme unterwegs, nie stimmt die Bierkasse mit der -kiste überein. Und dann ist da noch die plötzlich mit am Frühstückstisch sitzende Fremde, die allen gänzlich unbekannt ist, nur dem selig grinsenden Mitbewohner nicht mehr.

Nun ist das Leben in der Wohngemeinschaft für die meisten eine vorübergehende Phase in Zeiten knapper finanzieller Mittel. Ganz anders verhält sich das bei ihrer großen politischen Schwester, der Kommune. Die war von Anfang an als Lebensentwurf angelegt, weshalb die oben genannten Konflikte, angereichert um weitere betreffend Mao, Marx und Vietnamkrieg, nicht nur tiefe individuelle Sinnkrisen, sondern auch kollektives Scheitern nach sich zogen.

Das ist alles lange her. Trotzdem hat Thomas Vinterberg, der dänische Filmregisseur ("Das Fest") und Dogma-Mitbegründer, das Ganze im letzten Jahr noch mal aufgearbeitet, in seinem (zusammen mit Mogens Rukov entwickelten) Stück "Die Kommune", das unter seiner Regie am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde. Regisseur Rafael Sanchez hat es jetzt in die Kammerspiele des Deutschen Theaters geholt. Und man fragt sich ganz ehrlich erstaunt: warum bloß? Der Text ist eher eindimensional, das Thema gestrig, die Figurenkonflikte relativ vorhersehbar. Fand Sanchez dann wohl auch, weshalb er im Programmheft ausdrücklich darauf hinweist, dass das Original-Stück nur als Gerüst erhalten bleiben solle, die Darsteller ansonsten aber zur Improvisation aufgerufen seien.

Was sie auch nutzen. Es gibt diverse Exkurse, geänderte Figurenzeichnungen und sogar einen zehnten Mitbewohner, nämlich Volker alias Cornelius Borgolte, der zwar nichts zu sagen hat, aber immer wieder in die Tasten haut und mit "California Dreaming" oder "Country Roads" den Soundtrack liefert zu dieser insgesamt doch ziemlich boulevardesken Pyjama-Party am Küchentisch. Nur eine trägt hier keinen Schlafanzug, das ist Emma (Anita Vulesica), die neue Geliebte von Erek (Matthias Neukirch), der eigentlich seit 23 Jahren mit Anna (Judith Hofmann) verheiratet ist und der die Villa geerbt hat, in der die Kommunarden sich jetzt samt Erek und Annas halbwüchsiger Tochter Freja am Frühstückstisch lümmeln. Großzügig hat er das Haus zur Verfügung gestellt, aber nur solange die anderen mitspielen. Er will, dass seine Geliebte Emma auch in die Kommune einzieht. Die anderen wollen das nicht, woraufhin der Gutmensch ausrastet: "Das ist mein Haus! Ich werde mir nicht vorschreiben lassen, wie ich mein Leben zu leben habe."Die entlarvende Antwort von Mitbewohner Ole: "Das ist dann aber keine Kommune mehr."

Es gibt ein paar wirklich komische Szenen, wie zum Beispiel Susanne Wolffs herrlich verdrehte Yoga-Übungen am Klavier, es gibt Mut zur Albernheit und das Ensemble funktioniert als Ensemble durchaus gut. Doch es bleibt ein großes Aber: Über das reine Abbild des Gewesenen kommt dieser Abend nicht hinaus und wird seinem Gegenstand schon deshalb nicht wirklich gerecht, weil die Kommunarden von einst eins auf jeden Fall wollten: ein bisschen mehr Utopie, bitte.

DT-Kammerspiele Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 441 225. Nächste Termine: 4. u. 14. Februar, 20 Uhr; 19.2., 18 Uhr.