100. Geburtstag von Axel Springer

Sein Traum wurde Wirklichkeit

Klare Fragen verdienen klare Antworten. Als sich 1959 jemand bei Axel Springer erkundigte, warum er denn sein neues Berliner Verlagshaus direkt an der Grenze zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor der geteilten Stadt errichten wolle, soll der Verleger geantwortet haben: "Weil dieser Platz am verkehrsgünstigsten liegen wird, sobald Berlin wieder Hauptstadt des vereinigten Deutschlands ist."

Komplexe Probleme in wenige Worte zu fassen, ist eine Kunst. Sie wurde zu einem wesentlichen Grund für den publizistischen Erfolg des Unternehmers Axel Springers. Ab heute erinnert der Verlag, der seinen Namen trägt und in dem auch die Berliner Morgenpost erscheint, an den bevorstehenden 100. Geburtstag des Gründers. "Meilensteine" heißt das Internetangebot, das Wegmarken im Leben Axel Springers beschreibt.

Axel Springers 73 Lebensjahre sind untrennbar verknüpft mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Das beginnt bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, setzt sich im ökonomischen und politischen Aufbau nach dem Krieg fort. Die deutsche Teilung und die Existenz Israels wurden zu seinen Lebensthemen. Doch forderten die Irrwege Westdeutschlands in den späten Sechziger- und Siebzigerjahren ihn heraus und ließen seine zentralen Überzeugungen während der scheinbaren Arriviertheit der Bundesrepublik in den Achtzigern unzeitgemäß erschienen. Nur wenige Jahre nach seinem Tode freilich wurde sein Traum Wirklichkeit.

Geboren als Sohn eines Lokalzeitungsverlegers am 2. Mai 1912 im damals preußischen Altona bei Hamburg, wuchs Axel unbeschwert in einer bürgerlichen Umgebung auf. Familie und Familienunternehmen waren verschmolzen; schon als Kind tobte er mit seiner Schwester durch den Betrieb. "Springer ist sozusagen mit dem Geruch von Druckerschwärze groß geworden", schrieb sein Biograf Hans-Peter Schwarz. Folgerichtig ließ Vater Hinrich Springer seinen Sohn, als der erhoffte schulische Erfolg am Realgymnasium ausblieb, eine Lehre als Setzer und Drucker absolvieren, der sich ein journalistisches Volontariat anschloss.

Ganz wesentlich beeinflusste seine Mutter Ottilie ihn, eine starke, aber auch eigenwillige Frau. Ihr vor allem wohl verdankte Axel Springer sein sicheres Gefühl für richtig und falsch: "Meine Mutter flößte uns Kindern den Drang nach dem Guten, Wahren, Schönen ein und auch nach dem Anstand in der Politik", erinnerte er sich 1981. Wie wertvoll diese Prägung war, zeigte sich, als die Zeit des Dritten Reiches begann. Axel Springer wurde gerade erwachsen; er feierte seine Volljährigkeit, als auch in Hamburg SA-Trupps Gewerkschaftshäuser besetzten. Doch anders als viele Altersgenossen erlag er nicht den Verlockungen des Regimes, sondern versuchte sich "durchzuschlängeln".

Die Teilung war ein Tiefschlag

Durchaus mit Erfolg: Ende 1933 trat er als Redakteur ("Schriftleiter") ins väterliche Blatt "Altonaer Nachrichten" ein. Hier übte der junge Springer das journalistische Handwerk praktisch aus, bis die Zeitung "aus Papiermangel" 1941 eingestellt wurde. Zum Widerstand gegen Hitler gehörte die Familie Springer nie, aber ebenso wenig ließen sie sich von der NSDAP vereinnahmen - das war mehr, als viele andere Deutsche in jener Zeit von sich behaupten konnten.

Sofort nach Kriegsende 1945 stürzte Axel Springer sich mit ganzer Kraft an den Neuaufbau der wirtschaftlich schwer, moralisch aber noch viel stärker beschädigten Gesellschaft. Dank innovativer Ideen wurde er zum erfolgreichsten Verleger der jungen Bundesrepublik. Mit der "Hörzu" gab er das erste gedruckte Radioprogramm heraus: "Das Erscheinen einer Rundfunk-Zeitschrift" gehöre "zu den vordringlichsten Aufgaben", argumentierte Springer gegenüber der britischen Militärregierung. Dieser Innovation folgten weitere: Das "Hamburger Abendblatt" bekam die erste deutsche Lizenz nach dem Krieg und entwickelte sich schnell prächtig. 1952 dann konzipierte Springer als völlig neue Zeitungskategorie in Deutschland das Boulevardblatt "Bild", das zum Sensationserfolg wurde.

Aber gerade als das Wirtschaftswunder ernsthaft Fahrt aufnahm, konzentrierte der Unternehmer immer mehr Kraft auf andere Themen. Zunächst rückte für ihn die Überwindung der staatlichen Teilung Deutschlands in den Mittelpunkt. Seit Springer 1953 die von der britischen Militärregierung begründete Tageszeitung "Die Welt" übernommen und Hans Zehrer als Chefredakteur eingesetzt hatte, gehörte die Wiedervereinigung zu seinen wichtigsten Themen. 1956 stieg er dann beim West-Berliner Ullstein-Verlag ein. Nahe dessen früherem Hauptsitz im legendären Zeitungsviertel an der Kochstraße legte er im Mai 1959 den Grundstein für den Neubau seines Verlages - bewusst direkt an der Sektorenlinie.

Zu dieser Zeit trennte zwar längst Stacheldraht an der innerdeutschen Grenze die DDR von der Bundesrepublik. Dennoch konnte sich niemand vorstellen, dass die SED tatsächlich quer durch die vormalige Hauptstadt eine Mauer ziehen würde. Doch schon die oft schikanösen Kontrollen zum Beispiel am Grenzübergang Brandenburger Tor mitten in der Stadt galten Springer und vielen anderen Deutschen als Zumutung, so dass die Kampagne "Macht das Tor auf!" Anfang 1959 drei Millionen Anstecknadeln verkaufen konnte; die Erlöse kamen dem "Kuratorium Unteilbares Deutschland" zugute. 1958 reiste Axel Springer zu Nikita Chruschtschow nach Moskau, um mit ihm über die deutsche Einheit zu sprechen. Als ab dem 13. August 1961 auch mitten in Berlin die Teilung betoniert wurde, empfand Axel Springer das ganz persönlich als Tiefschlag. Noch mehr empörte ihn, dass die führenden Politiker des Westens untätig blieben. Zwar empfing Konrad Adenauer ihn am 17. August 1961 kurzfristig, doch gerieten der Bundeskanzler und der Verleger bald in Streit. Nach 45 Minuten verließ Springer wutentbrannt das Büro im Palais Schaumburg; später erzählte er gern, er habe die Tür derartig hinter sich zugeknallt, dass der Putz von der Wand rieselte.

Nicht ganz zu Unrecht nahm sich Axel Springer fortan als der eigentliche Verteidiger der deutschen Einheit im öffentlichen Leben wahr. In dieser Hinsicht blieb ihm jeder Pragmatismus fremd, denn es ging um die Freiheit von 17 Millionen Landsleuten und grundsätzlich um Anstand in der Politik. An diesem Ziel hielt er bis zum Ende seines Lebens fest.

Nur ein einziges anderes Thema beschäftigte Axel Springer in vergleichbarem Maße: die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden über die Abgründe des Holocaust hinweg. "Die NS-Verbrechen verletzten Springers Patriotismus", beschrieb Avi Primor, ehemals Israels Botschafter in Bonn, die Motive für diesen bedingungslosen Einsatz. Begleitet von seinem engen Mitarbeiter und Freund Ernst Cramer, besuchte der Verleger 1966 zum ersten Mal Jerusalem; es war die erste von rund 30 Reisen nach Israel. Durch seine pure Präsenz, durch Reden, aber auch durch großzügige Spenden dokumentierte der Verleger seine Unterstützung für den jüdischen Staat.

Doch gerade sein kompromissloses Engagement für die deutsche Einheit in Freiheit und für Israel stellte Axel Springer seit den späten Sechzigerjahren zunehmend ins Abseits. Diesen Eindruck jedenfalls vermittelten linke und liberale Meinungsführer: Axel Springer wurde zum Feindbild, zeitweise zur Hassfigur. Immer ganz weit vorn bei diesen Attacken waren die DDR-Staatssicherheit und die Propagandaabteilung der SED. Kampagnen wie "Enteignet Springer!" wurden direkt aus Ost-Berlin initiiert, etwa durch das von Stasi-Spitzeln gesteuerte "Extrablatt".

Standhaft in Grundsatzfragen

Dem kommerziellen Erfolg seiner Zeitungen und Zeitschriften taten die jahrzehntelang fortgesetzten Angriffe allerdings keinen Abbruch. Springers Gegner erfanden allerlei "Begründungen" dafür; von "Verführung der Massen" oder "Manipulation" war die Rede. Überzeugen konnte keine dieser Erklärungen, doch der Ruf des Verlegers und seines Unternehmens blieb dauerhaft beschädigt.

In der ersten Hälfte der Achtzigerjahre hatte sich die westdeutsche Gesellschaft mit der Teilung arrangiert. Nur noch in Sonntagsreden tauchte die Forderung nach einer Wiedervereinigung auf - und in der Berichterstattung der Springer-Zeitungen, in denen die anmaßende Selbstbezeichnung der SED-Diktatur als "Deutsche Demokratische Republik" noch bis 1989 stets in Anführungszeichen stand.

Als Axel Springer nach längerer Schwäche am 22. September 1985 in Berlin starb, ahnte niemand, dass sich innerhalb weniger Jahre das Antlitz der Stadt, Deutschlands und Europas vollständig ändern würde: An seinem fünften Todestag stand die Berliner Mauer fast nirgendwo mehr in der Stadt, waren die schwierigen internationalen Verhandlungen über die Wiedervereinigung erfolgreich abgeschlossen.

Mindestens beigetragen dazu hat die Standhaftigkeit des Verlegers und seines Unternehmens, das publizistische Grundsätze auch gegen den Strom hochgehalten hat und hochhält. Im Gegensatz zur Wahrnehmung seiner Gegner, zu denen zeitweise auch andere, ähnlich erfolgreiche Verleger wie Rudolf Augstein ("Der Spiegel"), Henri Nannen ("Der Stern") oder Gerd Bucerius ("Die Zeit") zählten, waren für Axel Springer inhaltliche Überzeugungen und ökonomischer Erfolg nie Gegensätze: Er verband sie vielmehr.

So unternehmerisch-flexibel er im Einzelnen entscheiden konnte, so standhaft blieb er stets in Grundsatzfragen. Freiheit im weiten politischen wie im wirtschaftlichen Sinne war für den Verleger nie verhandelbar, ebenso wenig die Westbindung der Bundesrepublik, die deutsche Unterstützung für Israel und das Festhalten am Ziel der Einheit. Wie sich erst nach seinem Tod erwies, lag er damit richtig. Prägnant in Worte fasste das 2005 der Publizist Henryk M. Broder. Axel Springer habe "recht gehabt. Nicht immer. Aber immer dann, wenn es wirklich darauf ankam." Die Formel hätte wahrscheinlich auch Axel Springer gefallen.

"Meine Mutter flößte uns Kindern den Drang nach dem Guten, Wahren, Schönen ein und auch nach dem Anstand in der Politik"

Axel Springer