Literatur

Für immer halbstark

In der regnerischen Mittagszeit unter der Woche sitzen sie alle am Rosenthaler Platz vor den Laptops, skypen mit dem Papa in Chile, trinken aus dampfenden Gläsern oder warten auf den Abflug. Ben Tewaag lässt auch auf sich warten. Nur zehn Minuten, dass hat er auf die Mailbox gesprochen und noch ein total ehrliches "Sorry" dran gehängt.

Kein Problem. Ist ja warm hier, dank grünem Tee. Nur aus der Küche ziehen ein paar Rauchschwaden durch Mein Haus Am See, so heißt der Laden. In der Küche ist wohl was schief gegangen, es riecht nach schwarzem Pfannkuchen. Nach fünf Minuten Lüften werden die Fenster wieder geschlossen und Ben Tewaag kommt zur Tür herein.

Glaubt man den vielen Berichten, über seine Exzesse, Raufereien, Drogengeschichten und gefährliche Körperverletzungen, wäre wohl ein wenig Vorsicht angeraten. Der Sohn von Bernd Tewaag und Uschi Glas, einer Volksschauspielerin, die zwischen Tierärztinnen, Traumhotels und "Pepe dem Paukerschreck" bei allem mitspielte, was irgendwie Herz hatte, saß 586 Tage hinter Gittern. Fast zwei Jahre war die JVA Frankfurt-Preuningsheim sein Zuhause, zwischen 2009 und 2010. Zwei Geburtstage und Weihnachten hat er da verbracht. Darüber hat der 35-Jährige ein Buch geschrieben. "313" ist ein Roman, in dem Oli Stein, das, naja, ein wenig fiktive Ich von Ben Tewaag, über seine Zeit im Knast berichtet. Tewaag hat über tausend Seiten Tagebuch geführt, viele Briefe geschrieben und daraus ein salopp geschriebenes Jungs-Buch gemacht, eines, das sich leicht wegliest. "Krass" ist das meiste darin, wie aber auch lustig. Ein wenig wie Hanni und Nanni für ewig in der Pubertät steckende Typen. In dem Fall ist es kein Internat, sondern eben ein Knast.

Pünktlich aufstehen um 6.30 Uhr

Erst mal die Kapuze des grauen Hoodies nach hinten schieben. Drüber liegt eine schwere Lederjacke, die Jeans mündet in riesigen Adidas-Basketballschuhen in den amerikanischen Farben blau, weiß und rot. Unsicher schaut er sich um, vergräbt beide Hände in der Bauchtasche des Pullovers, so dass er aussieht wie eine Känguru-Mama, die ihr Junges beschützen will. Noch mal ein "Sorry" fürs Zuspätkommen, einen frischen Pfefferminztee und los geht's. Klar, mit den Millimeter-Haaren und der echt rauen Stimme kann man sich schon vorstellen, dass so jemand im Knast saß. Gut, dass er seinen Pullover an hat, sonst würden die tausend Tattoos zum Vorschein kommen und ihn noch irrer aussehen lassen. Seine Stimmbänder müssen wirklich aus Eisen oder Stein sein. Im Zweifelsfall haben die ganzen Flüssigkeiten und Substanzen, die den Rachenraum hinunterlaufen wenn man jung ist und auf den Putz haut, eben ihre Spuren hinterlassen. Der frischgebackene Autor hat die härteste Stimme, die es überhaupt gibt. Im selben Moment schmunzelt einen aber dieses bayerische Lausbubengesicht an, und sagt dann auch noch "dis" anstatt "das" und sofort ist dieser Typ einem sympathisch und man duzt sich. Der kann ja gar nicht so schlimm sein.

Er hatte Angst vorm Knast, trotz all der Muskeln. Er fühlt sich geschmeichelt, dass er als starker Typ, als Schrank gesehen wird, aber im Verhältnis zu ihm gebe es da noch ganz andere Kandidaten. Vorbereiten kann einen sowieso niemand auf die Welt da drin, meint er. Nicht einmal die Tipps, die er sich von den Hells Angels geholt hat. "In Berlin kenn' ich echt keine. Aber in Frankfurt sitzen die beim Essen zwischen den ganzen Bankern. Wenn Du abends ausgehst, siehst du halt ne Kutte neben einem Anzug, total entspannt." Alles easy, scheint er sagen zu wollen, als sei es das Normalste der Welt. Ausgerechnet die Rocker erinnern Oli, bzw Ben, nicht daran einen Wecker mitzubringen. Den braucht man tatsächlich, um morgens um 6:30 Uhr pünktlich aufzustehen und zur Zählung zu erscheinen. Macht man das nicht, gibt's ne Beschwerde, nach drei solcher Vermerken gibt es dann echte Probleme: Fernseher weg, Playstation weg.

Also lernt dieser Oli, oder vielleicht auch Ben, er habe ja bewusst diese Person gewählt, um nicht alles auf sich beziehen zu müssen, um freier zu sein, das erste Mal nach Regeln zu leben. Tatsächlich tut ihm das gut. So mausert sich der Picco, so werden die Neuen im Knast genannt, zu einem, der akzeptiert wird, einer der in der Metzgerei und bei der Essensausgabe arbeitet, der mit Drogendealern und Schlägern Schach spielt, und langsam auch den Regeln des Knasts verfällt. Oli macht sich über die Geldstrafen lustig, die armen Schweine, die, weil sie pleite sind, eine Geldstrafe absitzen müssen. Ben sieht das anders, zumindest wenn man nachfragt. "Das seien ja ganz Liebe, eigentlich", findet er. Die Türken im Knast hat Oli Ölauge genannt, aber das ist hinter Gittern okay. Da darf man auch Neger sagen, dafür ist er halt der Deutsche, die Kartoffel. "Da drinnen wird so unterteilt, die Gefängnis-Beamten unterteilen auch so. Trotzdem ist das ein großes Miteinander." Tewaag hat sich, so weit das eben ging, dort eingelebt.

Er schwärmt fast ein bisschen von der Zeit, wie wenn ältere Männer vom Krieg erzählen, diese Jahre prägen einfach. Bei ihm waren es neunzehneinhalb Monate. Aber was kommt jetzt? Im April wird Tewaag 36. "Uralt" ist das für ihn. Er trägt sein halbes Leben Kapuzen-Pulli und Sportschuhe und ist einfach Ben geblieben. Der Quatsch, der ihn in den Knast gebracht hat, das war das nicht Erwachsen-Werden-Können. Wenn man im Musik-TV aufwächst, muss man das nicht. Raab, Joko, Klaas, Charlotte, Kuttner dürfen immer noch albern sein. Trotzdem sind sie im Mainstream angekommen. Vielleicht ist das Tewaags Problem. Er fürchtet, dass er ein Spießer werden könnte. Auch wenn er freitags und samstags zu Hause bleibt, passen mag das nicht zu ihm. Da müsste er sich ja fragen: Wo sind Haus und Bausparvertrag? Warum haben die anderen Erfolg gehabt und ich selbst eher so wenig?

Kein Ärger mehr mit dem Gesetz

Jetzt rührt er die Minzblätter mit dem langen Löffel in einen Malstrom, also wolle er alles einfach wegrühren. Die Zeit im Knast, die Bildschlagzeilen, die Anzeigen. Er kratzt sich am Kopf. Das ist richtig laut bei den Stoppeln. Er musste sich noch rasieren bevor aus dem Haus ging. Aber links hinten sind die Haare zwei Millimeter länger als die anderen. Eine kleine Narbe ist da zu sehen, er sagt nicht woher sie kommt. Wie war noch mal die Frage? Die Mutter beschützt wieder das Kind im Beutel. Ach ja. Joko und Klaas mag er sehr gerne. Raab sei ein guter Geschäftsmann aber eben nicht sein Humor. "Ich habe meine Zeit anders verbracht", brummelt Tewaag zwischen Bär und Rocker, " ich habe sicherlich mit mehr Frauen gefickt. Das war mir wichtiger. Ich bin nicht so geldgeil", und schon ist die Beutelmutter wieder beinhart und mitten in der Pubertät, Ben halt. Der Ben, bei dem die Frauen "Süße" heißen und alles "krass" sein muss. Dabei hat er mittlerweile andere Prioritäten, wie er sagt. Tewaag arbeite wieder an neuen Fernsehkonzepten, erst mal hinter der Kamera. "Seit eineinhalb Jahren hab ich keinen Ärger mit dem Gesetz. So erwachsen war ich noch nie im Leben".