Kunstsache

Wenn der Vater im Wohnzimmer Golf spielt

Wenn Eltern älter werden, wird das Leben nicht zwangsläufig einfacher. Seit sich meine Erzeuger für Kunst interessieren und viel Freizeit haben, bekomme ich jetzt immer Tipps von ihnen: Seitdem habe ich das Gefühl, im direkten Wettbewerb zu meinen Eltern zu stehen.

Darwin wäre sicher etwas Schlaues dazu eingefallen. Andererseits bin ich froh, dass sie sich keine sinnlosen oder gefährlichen Hobbys zugelegt haben. Innenraum-Golf zum Beispiel. In der Gruppenausstellung "Private", die in der Galerie von Thomas Fischer gezeigt wird, hängt ein Foto von Larry Sultan. Darauf sieht man den Vater des kalifornischen Künstlers, wie er auf dem grasgrünen Teppich des Wohnzimmers seinen Abschlag probt. In Boxer-Shorts. Es ist ein surreales Bild, in dieser hervorragenden Ausstellung der vieldeutigen Bilder. Den versammelten Fotografen geht es um das Vertraute und um das Fremde, um die Möglichkeiten des dokumentarischen Bildes und die Zweifel daran. Tobias Zielony hat Jugendliche in der polnischen Stadt Zgora fotografiert und konnte ihnen doch nicht wirklich Nahe kommen. Wie fremd dagegen das Private werden kann, beweist der japanische Fotograf Seiichi Furuya. Dessen Ehefrau Christine beging 1985 Selbstmord. Seit ihrer ersten Begegnung 1978 hatte der Furuya sie fast täglich porträtiert. Die Aufnahmen der Ehefrau an der Wand bei Fischer hängen zu sehen, gehört zum Traurigsten, was die dokumentarische Fotografie zu bieten hat. (Bis 3. März, Tagesspiegel-Gelände, Haus H, Potsdamer Straße 77-87, Schöneberg)

In dieser Woche habe ich mich auf einen einzigen Galeriestandort konzentriert, das ehemalige "Tagesspiegel"-Gelände. Denn dort haben gleich drei exzellente Ausstellungen eröffnet. Nach Thomas Fischer besuchte ich die Side by Side Gallery. Bei seiner zweiten Gruppenschau "The concrete and the mystical" veranstaltet Kunsthändler Akim Monet ein ähnliches Referenzgewitter wie bei seiner Premiere im Herbst. Auf der "konkreten" Seite kommuniziert etwa Yevgeny Khaldeis Foto von Rote-Armee-Soldaten, die 1945 ihre Flagge auf dem Reichstag errichten, mit einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von Sebastiao Salgado aus einem Afghanistan, das die russischen Soldaten 1996 vollkommen zerstört zurückließen. Den mystischen und sehr viel farbigeren Teil der Ausstellung bestreiten vor allem die Maler. Sehr gut gefiel mir hier eine Gouache des Briten Neal Tate. Sie zeigt einen Chirurgen, der unter seinem Kittel rosa Unterwäsche trägt. (Bis 31. März, Tagesspiegel-Gelände, Potsdamer Straße 81b, Schöneberg)

Über die Eugen-Schönebeck-Ausstellung bei Nolan/Judin wird in der Stadt bereits mit ziemlichem Enthusiasmus gesprochen. Und tatsächlich hat Galerist Juerg Judin viel investiert für den Künstler, der in den Sechzigern urplötzlich den Pinsel für immer zur Seite legte. Selbstverständlich sind Schönebecks Zeichnungen von amorphen Menschenklumpen - die unter dem Eindruck des noch nicht lange zurückliegenden Krieges entstanden - großartig. Doch ich finde die Ausstellung noch aus einem weiteren Grund sensationell: Die Präsentation der Werke ist so museal, wie ich es an diesem Ort nie für möglich gehalten hätte. Am Eingang liegen die Kataloge. Darauf folgt ein informativer Wandtext. Die Zeichnungen hängen in der riesigen Druckereihalle, in die extra noch ein kleines Kabinett eingebaut wurde. Es steht sogar eine Bank in der Halle, auf die man sich setzen kann. Das alles lädt zum Verweilen und Sinnieren ein. (Bis 25. Februar, Tagesspiegel-Gelände, Potsdamer Str. 83, Schöneberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien