Kinodebut

Radikales Eintauchen in die rechte Szene

Wir stellen uns jetzt mal vor, die NPD sei verboten worden. Würde es dann Szenen wie diese nicht mehr geben? Eine Clique von Glatzen pöbelt durch ein Zugabteil. Besonders eine tut sich hervor, ein Mädchen, auf dessen T-Shirt "Nazibraut" steht und deren Schlüsselbein mit einem Hakenkreuz-Reichsadler tätowiert ist.

"Die Kriegerin" ist kein Film über die NPD, keiner über Terroranschläge. Die Abschlussarbeit des Potsdamer Filmstudenten David Wnendt geriet unversehens in den Sturm um die Zwickauer Zelle, und solch eine Koinzidenz stellt immer ein zwiespältiges PR-Glück dar, weil er Erwartungen weckt, die der Film nicht erfüllen kann. Man muss sich also darauf einlassen, was den Hochschulabsolventen interessiert und was er recherchiert hat: die Stellung von Frauen in der rechten Szene. Darin schwingt dieses Staunen der emanzipierten Gesellschaft mit, was eine Frau heutzutage bewegt, die Mutter-am-Herd-Position zu akzeptieren, die ihnen von der völkischen Ideologie zugewiesen wird. "Kriegerin" ist ein radikales Eintauchen in eine radikale Szene. Und Wnendts Heldin Marisa steht für viele dieser Nazibräute.

Alina Levshin - die sechsjährig mit ihren Eltern aus Odessa nach Berlin auswanderte und so möglicherweise den Germaninnentest nicht bestünde - ist atemberaubend als Marisa, wirft sich ohne Seil und doppelten Boden in ihre Rolle, wie man das selten sieht. Wnendts Drehbuch gestattet ihr diesen Ausbruch aus unserer Kinodurchschnittlichkeit, fängt sie aber mit dem Lasso der Psychologisierung wieder ein. Es ist eine der vermaledeiten Grundregeln vieler Drehbuchschulen, das alles erklärt werden muss, und der Erklärungsdruck ist bei diesem Thema noch größer. Wenn man des braunen Spuks schon nicht Herr wird, muss man ihn wenigstens verstehen können.

Ein zweiter Fluch des verschulten Drehbuchschreibens ist die Emotionalisierung. So flackern in Marisas ideologisiertem Herz Gefühle auf, und zwar für einen Jungen aus Afghanistan, den sie anfangs noch angefahren hat. In diesem Moment fragt man sich, ob man einem Phänomen, das sich durch den Verstoß gegen alle gesellschaftlichen Regeln definiert, mit einer regelkonformen Dramaturgie wirklich gerecht werden kann. Aber mäkeln wir nicht, sondern freuen uns über ein Debüt, wie es das selten gibt, und das zum Glück nicht alles erklärberuhigt. Vor allem eine Beunruhigung bleibt bestehen, jene über die "guten Leute" in Wnendts Film, die nie selbst die Hand erheben würden, aber wie selbstverständlich rechte Parolen nachplappern. Die Verwurzelung des Neonazismus in der Hauptgesellschaft wächst, und daran würde ein NPD-Verbot nicht das Geringste ändern.