Interview

"Theater ist niemals der Text"

Er wird als Erneuerer des politischen Theaters gefeiert: René Pollesch, 1962 geboren, inszeniert regelmäßig an der Volksbühne - und an anderen großen Theatern. Heute Abend hat "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia" Premiere. Pinar Abut und Stefan Kirschner trafen den Regisseur und Dramatiker, der ausschließlich eigene Texte inszeniert, im Foyer der Volksbühne.

Er sitzt auf der Fensterbank, schlägt ein Bein unter das andere, raucht und trinkt Mineralwasser aus der Flasche.

Berliner Morgenpost: Herr Pollesch, fangen wir mit einer kapitalistischen Frage an: Welchen Wert hat die Marke Pollesch?

René Pollesch: Das kann ich nicht beurteilen.

Berliner Morgenpost: Der Wert ist in den vergangenen Jahren doch sicherlich gestiegen. Sie sind gefragt.

René Pollesch: Ich kann im Moment arbeiten, dafür bin ich dankbar. So vor fünf Jahren haben viele Intendanten gewechselt, da kann es immer sein, dass die neuen sich nicht mehr an einen erinnern. Aber ich wurde von fast allen gefragt. Und von den meisten auch zu einer kontinuierlichen Arbeit eingeladen.

Berliner Morgenpost: Je größer die Krise, desto höher der Wert der kapitalismuskritischen Stücke?

René Pollesch: Vielleicht. Aber meistens werden in Krisenzeiten auch nur wieder klassische Stücke als die Stücke der Stunde ausgegeben.

Berliner Morgenpost: Wie Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe"?

René Pollesch: Zum Beispiel. An die Theater wird herangetragen, sich über eine krisenbedingte Kapitalismuskritik als relevant zu zeigen. Ich werde dann leicht trotzfrigide. Man erwartet dann nämlich von den Theatern weiterhin in Kategorien zu kritisieren, mit denen sich der Kapitalismus schon lange nicht mehr rechtfertigt. Er ist nämlich gar nicht mehr grau und repressiv. Und es endet vor allem in Reformbemühungen.

Berliner Morgenpost: Sie lehnen Klassiker ab?

René Pollesch: Was mich daran stört, ist: Jeder Zuschauer weiß, dass er Texten zuhört, die nicht jetzt geschrieben wurden. Ich würde niemals sagen, dass auf der Bühne nicht ernsthaft versucht würde, die Stücke ins Heute zu transportieren. Aber allein die Tatsache, dass sie vor allem nicht jetzt gesagt werden, wirkt beruhigend. Es gibt einfach eine riesige zeitliche Kluft zwischen den Texten und den Leuten im Zuschauerraum, die aber gleichzeitig sagt, dass wir deshalb geschichtliche Wesen sind, weil wir immer noch die gleichen sind. Wir sind aber deshalb geschichtliche Wesen, weil wir andere sind. Wenn wir im Theater sitzen würden und uns würde die Differenz interessieren, wie Sophie Rois sagt, das fände ich interessant. Wenn man die heutige Finanzkrise damit erklärt, dass die Menschen seit ewigen Zeiten gierig sind, dann verkennt das den Kampfplatz.

Berliner Morgenpost: Wie würden Sie jemandem Ihren Stil beschreiben, der noch kein Stück von Ihnen gesehen hat?

René Pollesch: Das ist eine Frage, die ich mir nie stelle. Ich würde es ihm als ein Theater beschreiben, das sich nicht auf die Autorität von Texten bezieht. Natürlich bringe ich einen Text zur ersten Probe mit, aber das ist nicht der Text, der später auch auf der Bühne zu hören ist. Der Text kann zu hundert Prozent verworfen werden. Beim ersten Lesen ist also niemand mit der Frage belästigt: Wie soll ich das spielen? Sondern es geht um die Frage: Will ich das sagen? Kann ich den Text für mich, für mein Leben gebrauchen?

Berliner Morgenpost: Der Text steht zur Debatte?

René Pollesch: Die Schauspieler können alles verwerfen, weil sie wissen, ich schreibe während der Proben weiter. Für jeden Text, den die Schauspieler auf der Bühne sagen, für den haben sie sich entschieden. Sie müssen also nicht solange an sich herumschrauben, bis sie einen Satz sagen können. Sie müssen nichts reformieren. Wenn sie der Text nicht interessiert, dann können wir uns entweder trennen, oder wir finden etwas, was wir teilen können.

Berliner Morgenpost: Sie sind der erste Inputgeber?

René Pollesch: Theater ist niemals der Text. Der erste Autor unserer Theaterabende ist der Bühnenbildner. Im jetzigen Fall Bert Neumann. Er baut den Raum und wir beziehen uns auf den. Der zweite Autor bin ich mit einem ersten Text, der dritte ist der Schauspieler, der sich die Texte nicht aneignet, sondern sich für bestimmte Texte entscheidet. So entstehen die Abende.

Berliner Morgenpost: Als echte Gemeinschaftsproduktion?

René Pollesch: Es ist ja ein Allgemeinplatz, dass ein Film oder ein Theaterabend nur kollektiv entstehen kann. Trotzdem fällt, nachdem jemand vielleicht die kollektive Arbeit im Theater würdigen will, danach immer nur ein Name. Das heißt vielleicht, dass der Begriff Gemeinschaft vor allem wohlwollend gebraucht wird. Man will eine Gemeinschaft, aber man weiß noch nicht wie. Wir kennen im Moment nur ein "Wir" aus addierten "Ichs". Und wir ahnen, dass das nicht reicht.

Berliner Morgenpost: Dürfen andere Ihre Stücke nicht inszenieren, weil es bei Ihnen eine kollektive Produktion ist?

René Pollesch: Doch, sie könnten meine Stücke inszenieren, wenn sie den Text ebenfalls zu hundert Prozent verwerfen könnten. Aber damit das Stück für das Theater ein Pollesch bleibt, wäre ja jemand da, der das verhindert. Der Intendant, der Dramaturg. Wenn die Schauspieler meinen Text darauf abklopfen könnten, ob sie so etwas sagen wollen, und ihn vollständig ablehnen, weil sie merken, dass sie ihn nicht gebrauchen können, dann wäre das der Beginn, sich mit unserem Theater auseinanderzusetzen. Aber dann brauchen sie meinen Text nicht mehr. Es kann ja kein Pollesch mehr sein, weil sie an dem Text nicht so arbeiten können, wie wir es machen.

Berliner Morgenpost: Sie werden in diesem Jahr 50. Empfinden Sie das als Zäsur?

René Pollesch: Wer sagt, dass ich 50 werde? (lacht)

Berliner Morgenpost: Wir haben da so unsere Quellen. Einige Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie eigentlich immer dasselbe machen.

René Pollesch: Sie erwarten, dass ich mich jetzt neu erfinde? Es gibt so viele Regisseure, die machen alternierend Tschechow, Shakespeare, Ibsen. Also immer dasselbe. Wenn jemand aber zum Beispiel immer Ibsen macht, ist das nämlich nicht mehr dasselbe. Der macht was anderes.

Berliner Morgenpost: Wann übernehmen Sie denn ein großes Haus, zum Beispiel die Volksbühne?

René Pollesch: Mir sind Leute unglaublich unsympathisch, die durchblicken lassen, dass sie sich für einen Intendanten-Job interessieren.