Kino

Der mächtigste Mann der Welt als Muttersöhnchen

Man muss anfangs schon sehr genau hinsehen: Soll das wirklich Leonardo DiCaprio sein? Dieser alte, aufgeschwemmte, schwerfällige Mann? Ja, er ist es. Und man muss gleich zu einem ganz großen Vergleich ansetzen. Den zu Orson Welles in "Citizen Kane".

Darunter kann man es nicht machen. Auch Welles hatte damals eine schillernde Persönlichkeit von jungen Jahren bis ins höchste Alter gespielt, auch er hat dabei ein reales Leben nachgespielt. Auch wenn der Bürger Kane hieß, hat man doch den realen Medienzaren William Randolph Hearst darin erkennen können. DiCaprio ist auf Welles' Spuren. Auch er spielt so ein Alphatierchen, ein Über-Ego: J. Edgar Hoover (1895-1972). Der Mann, der das FBI gegründet hat. Der Mann, der über 50 Jahre lang der mächtigste Mann der USA war. Der Mann, vor dem selbst Präsidenten zitterten.

Clint Eastwood hat Hoovers Leben verfilmt. "J. Edgar", der morgen ins Kino kommt, ist der Auftakt eines Kinojahres, das ganz von Filmbiographien beherrscht wird und uns unter anderen noch Meryl Streep als Margaret Thatcher und Michelle Williams als Marilyn Monroe beschert. Aber Hoover, das ist gleich am Anfang die wohl größte Legende. Denn es ist der Mann, der die Paranoia erfand. Der politische Unruhen und Attentate in den 20er Jahren als Vorwand benutzte, um einen einzigartigen Polizeiapparat aufzubauen. Modernste kriminologische Ermittlungsmethoden, die heute jede Profiler-Serie bestücken, gehen auf ihn zurück. Er setzte als Erster eine systematische, bundesstaatenübergreifende Verbrechensbekämpfung durch. Die Unruhen kamen ihm dabei mehr als zupass. Es galt, die Angst vor Unruhen zu schüren. Um noch mehr Macht zu bekommen.

Es ist die immer gültige Geschichte von der Gier nach Macht und davon, nie genug davon bekommen zu können. Eastwood war fünf Jahre alt, als Hoovers Bureau of Investigation (BOI) zum Federal Bureau (FBI) erweitert wurde, sein "Dirty Harry" kam gerade ins Kino, als Hoover starb. Jetzt, mit 81, dreht Eastwood den Film streng historisch. Und doch, wann immer hier Sicherheit vor Freiheit gestellt wird, denkt man heutige Vorratsdatenspeicherung, denkt man die Allianz der Willigen und Guantánamo stets mit.

Und wie raffiniert Eastwood das erzählt! Zunächst nämlich als Autobiographie. Der alte Hoover diktiert jungen Sekretären seine Vita in die Schreibmaschine; es sind immer wieder andere Sekretäre, weil er keine Gegenfrage, keinen Widerspruch duldet. Sein Leben soll eine Erfolgsgeschichte sein. Aber just wenn man sich schon fragt, ob Eastwood es sich damit nicht zu einfach macht, gehen Diktiertes und Gezeigtes auseinander. Wird uns Hoover als Muttersöhnchen gezeigt, der noch als Erwachsener nach der Pfeife seiner überstrengen Mutter (Judi Dench in einer grandiosen Nebenrolle) tanzt. Und auch seine Vorliebe für Männer, anfangs nur verschämt angedeutet, wird immer offensichtlicher.

Ja, dieser Mann, der ganz Amerika in der Hand hatte, er hatte selbst ein Geheimnis. Aber während der Film uns Hoover bis dahin als großen Unsympathen entlarvt, der jeden Trick zu seinem Vorteil nutzt; hier wird er plötzlich menschlich, hier geht er uns nah, als Homosexueller, der ein Leben lang einen Mann an seiner Seite hatte und doch ein Leben lang seine Neigung verleugnete.

Deutlich verrät sich hier die Handschrift von Dustin Lance Black, er hat schon das Drehbuch zu "Milk" geschrieben, quasi der Gegenentwurf eines Homo-Aktivisten. Der Clou von "J. Edgar" ist: dass am Ende just dieser Mann an seiner Seite (Armie Hammer) Hoover den Kopf wäscht. Dass er ihm vorwirft, welche Lügen er sich und allen auftischt. In kurzen Rückblenden wird uns der ganze bisherige Film als Schönfärberei entlarvt und durch "echte" Bilder ersetzt.

Leonardo DiCaprio spielt seinen Citizen Hoover mit Lust, in allen Facetten, in aller Widersprüchlichkeit. Für "Titanic" war er einst so ziemlich als Einziger nicht für einen Oscar nominiert worden. Ein Trauma. Seither wurde er zwei Mal nominiert (auch für eine weitere Filmbiographie, "Avatar" über Howard Hawks), aber immer ging er leer aus. Das kann, das muss sich jetzt ändern. Und dann ist DiCaprio ja schon für eine weitere Jahrhundertpersönlichkeit im Gespräch: Für Martin Scorsese soll er Frank Sinatra spielen.