Theater

Primadonnen-Streit im Nobelrestaurant

Neun Jahre hat es gebraucht, bis Händels zur Oper verwandeltes Oratorium über den "Triumph der Zeit und der Enttäuschung" nach der Zürcher Premiere in der Staatsoper im Schiller-Theater gelandet ist, um sich mit Recht bejubeln zu lassen.

In Berlin aber kommt nun alles zusammen: Musik, Bildhaftigkeit, Orchestersprache, Bühnenaufriss, Gesang und Regie, um aus Händels Oratorium ein durch und durch fesselndes Bühnenerlebnis zu machen. Marc Minkowski steht am Pult der delikaten "Musiciens du Louvre Grenoble", er kennt sich wie kaum ein anderer in der Musik der Vorklassik aus. Dabei geht es in Händels Oratorium um nichts anderes als ein weit ausschwingendes religiös und philosophisch aufgemöbeltes, gesungenes Papperlapapp.

Eine dreistündige Diskussion unter vier Widersachern setzt sich in Gang, in der die "Schönheit" am Ende ihre Weggefährtin, "das Vergnügen", von sich weist und dem Verlauf der "Zeit" ihre resignierenden Überlegungen öffnet, auch wenn sie dafür die "Enttäuschung" an ihr Herz drücken muss. Das führt zum damals unüblichen Gesang im Quartett. Dennoch bleibt eine Arie, die Perle der Aufführung. Händel hat sie später in seinem Schaffen wieder und wieder verwendet: "Lass die Dornen, pflücke die Rose" heißt es in ihr, besser bekannt in ihrer italienischen Form "Lascia ch'ìo pianga". Inga Kalna ist die glückliche Siegerin im Primadonnen-Wettstreit, der die Köstlichkeit zufällt. Dass man sich aus dem ebenso melodiösen wie erschöpfenden Ringen um die Seele Bellezzas, bis sie allem Glanz entsagt, sich in die Tracht einer Nonne hüllt und ins Kloster aufbricht, als Zuhörer nicht heraushalten kann, verdankt das Oratorium der schier genialischen Idee seiner Verwandlung zur Oper. Sie geht auf Jürgen Flimm, den Regisseur, und Erich Wonder, den Bühnenbildner, zurück. Sie haben das Geschehen in ein riesiges, luxuriöses Restaurant verlegt. Nie wurde je zuvor auf der Bühne anhaltender debattiert und Die Bedienung durch die vier befrackten Kellner ist ebenso vollkommen wie das Musizieren im Orchestergraben.

Was aber auch alles in so einem Restaurant stumm passiert: Plötzlich tauchen im hereinwehenden Schneetreiben vier Gestalten auf, die sich unter Hüten und hinter ihren Jackenkragen annähernd verbergen. Aber auch sie führen artig ihr Glas zum Mund. Eine Braut ohne Bräutigam sitzt weltverloren herum. Genauso ein alter einsamer Mann, in die Betrachtung einer mittelgroßen Holzpuppe versunken. Plötzlich tanzen ein paar attraktive Lustmädchen, Beine schwingend, die riesige Theke entlang. Oder ein Orgelspieler an seinem Instrument, von zwei Blockflötenjungs begleitet, rutscht hinein in die Szene. Sie spart nicht mit Überraschungen.

Händel hat ein Oratorium ohne Chor geschrieben. So fällt alle Gesangslast einzig den vier vorzüglichen Solisten zu. Sylvia Schwarz steht natürlich im Mittelpunkt des Geschehens: sie soll schließlich gerettet werden vor den Verführungskünsten der Menschenwelt. Sie entsagt am Ende dem Luxus. Ihren Schlusszeilen gelingt es, den Bravorufern ein paar Sekunden lang den Atem zu verschlagen. Dann aber sieht und hört sie sich gefeiert. Die "Disinganno" des Titels, also die "Enttäuschte", wird am Ende von ihrer Enttäuschung gründlich befreit. Dann darf auch Delphine Galou, die lange Zeit offenkundig Untröstliche, stimmlich aufleben und sich nicht einzig vorwurfsvoll "Bellezza" zuwenden, sondern sich den eigenen Aufgaben widmen. Stiefkind des Abends, wenn auch ohne das geringste eigene Verschulden, ist Charles Workman, der tenorale Beistand der beredsamen Damenriege.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenb. Tel. 203 54 555 Termine: 18., 21., 24., 27., 29.1.