Golden Globes

Hollywood sehnt sich nach Paris

n dieser Nacht hat es Hollywood wohl die Sprache verschlagen. Bei der 69. Golden-Globe-Verleihung im Beverly Hills Hotel von Los Angeles hat ausgerechnet ein französischer Stummfilm die meisten Preise gewonnen.

I "The Artist" von Michel Hazanavicius ging mit sechs Nominierungen bereits als großer Favorit ins Rennen - und konnte am Ende drei Goldgloben verbuchen: für den Hauptdarsteller (Jean Dujardin), die Filmmusik und die beste Komödie. Das ist eine schallende Ohrfeige: Ausgerechnet nach einem Jahr, in dem das Hollywoodkino ziemliche Einbußen erlitt, siegt nun auch noch ein Film aus der Alten Welt, der eine ur-amerikanische Geschichte erzählt (die eines Stummfilmstar in Hollywood, der durch den Tonfilm im Karriere-Aus landet). Einen Stummfilm, das hat in den USA zuletzt Mel Brooks 1976 mit "Silent Movie" gewagt. Aber "The Artist" ist nicht nur ohne Dialoge, er ist auch noch schwarzweiß, im alten 3:4-Format. Kein Breitwandbild, kein Dolby-Surround, keine 3D-Spielereien. Sein einziger Special Effect: ein süßer, dressierter Hund, der am Ende auch auf der Show-Bühne Kunststückchen macht. Ein Bild voller Symbolkraft: Das amerikanische Studiosystem ist auf den Hund gekommen. Es sieht durch diesen europäischen Stummfilm jedenfalls ziemlich alt aus.

Sympathie-Werbung für den Iran

Eigentlich sollte es ein Abend der großen Rückversicherung sein. Der Golden Globe ist ja vor einem Jahr ziemlich in Verruf geraten. Weil ausgerechnet ein Insider kurz vor der Show eine Klage einreichte, dass sich die Hollywood Foreign Press Association (HFPA), die über diesen Preis entscheidet, ihre Nominierungen mit Luxusreisen und großzügigen Geschenken versüßen lässt. Keiner redete 2011 von den Preisen; alle nur von den Vorwürfen. Und auch wenn sich Hollywoods Auslandspresse kurz darauf mit ihrem Ankläger außergerichtlich einigte (man darf annehmen, gegen einen großzügigen Betrag): Das Geschmäckle blieb. Einmal mehr fragte man sich, wie wichtig dieser Preis eigentlich ist und ob er tatsächlich ein Gradmesser für den Oscar darstellt.

Darüber streitet man sich jedes Jahr aufs Neue. Man kann Globe und Oscar nicht vergleichen, weil hier nicht nur Kino-, sondern auch TV-Produktionen ausgezeichnet werden. Und weil man hier in den wichtigsten Kategorien noch zwischen E und U, zwischen Drama und Komödie unterscheidet. Aber man kann sie natürlich doch vergleichen, weil Hollywoods Stars und Sternchen bei keiner anderen Preisverleihung außer dem Oscar so zahlreich und willig über den roten Teppich schreiten.

Durch die Korruptionsvorwürfe hat der Globe Kratzer im Lack bekommen. Und es galt nun, ihn in diesem Jahr wieder auf glatt zu polieren. Selten haben die 90 der Auslandsjournalisten ihre Preise so ausgewogen, besonnen und political correct vergeben; als wolle sie aller Welt ihre ungebrochene Kompetenz beweisen. Der erste Globe des Abends ging an ein spätes schwules Coming-Out (Christopher Plummer in "The Beginners"). Dann wurde ein Liliputaner (Peter Dinklage) als bester TV-Schauspieler ausgezeichnet, gleich zwei Preise gingen an Schwarze (der Ehrenpreis an Morgan Freeman und Octavia Spender als beste Nebendarstellerin).

Doch mehr und mehr wurde die Globe-Schau zu einer Absage an das klassische Hollywoodkino. Das beste Drehbuch: Woody Allens "Midnight in Paris", in dem sich ein Amerikaner ins Paris der Zwanziger Jahre träumt. Bester Regisseur: Martin Scorsese, dessen Film "Hugo" sich in das Paris der Dreißiger träumt und in die stummen Anfänge der europäischen Kinematographie. Welch Ironie: Hollywood sehnt sich nach Paris, Paris nach Hollywood. Scorseses Werk entstand aber auch fernab der großen Studios, in der Alten Welt, ebenso wie jene zwei Filmbiografien, für die die besten Schauspielerinnen in den Sparten Drama und Komödie ausgezeichnet wurden: Meryl Streep für ihre Margaret Thatcher in "Die eiserne Lady" und Michelle Williams für ihre Marilyn Monroe in "My Week With Marilyn".

Amerika musste ganz tapfer sein. Selbst in der Kategorie Trickfilm gewann Steven Spielbergs "Abenteuer von Tim und Struppi" - nach den berühmten Comics aus Belgien. Und bester fremdsprachiger Film wurde das iranische Gesellschaftsdrama "Nader und Simin", ziemlich genau elf Monate nach seinem Berlinale-Sieg. Regisseur Ashgar Farhadi nutzte die Stunde, um einmal nicht die üblichen Dankesworte zu verlieren, sondern in Zeiten diplomatischer Krisen zwischen den USA und dem Iran für sein Volk zu werben.

Clooney verliert gegen Clooney

Doch ganz leer durfte Hollywood nicht ausgehen. Deshalb gingen zwei der wichtigsten Globes an Alexander Paynes "The Descendants". Für das beste Drama. Und den besten Hauptdarsteller. George Clooney spielt darin einen Ehemann, der, das ist nicht ohne Ironie, von seiner Frau betrogen wurde, weil er zu langweilig ist. Ein schöner Familienfilm. Aber der beste Film? Die Preise wirken wie Trostpreise. Und Clooney steht trotz des Siegs wie ein Verlierer da. Denn auch sein Regiefilm "The Ides of March" war gleich vier Mal nominiert, ging aber gänzlich leer aus. Die Globes 2012, sie sind eine harte Runde für Hollywood nach einem harten Kinojahr.

Und der Globe? Ist er nun ein Gratmesser für den Oscar oder nicht? Darüber darf nun eine Woche lang spekuliert werden. Dann nämlich, am 24. Januar, werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben. Da gibt es kein E und U mehr, da könnten dann die Komödie "The Artist", die gar nicht immer komisch ist, und das Drama "The Descendants", das auch nicht ohne Komik ist, direkt aufeinandertreffen. Ganz sicher tun sie es zwei Tage später: Da starten beide in den deutschen Kinos.