Sammlung

"Wir wollen es nicht verscherbeln"

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vermeldete kürzlich, dass man auf der Suche sei nach privaten Sponsoren für einen Erweiterungsbau des Bode-Museums. Das Gebäude wird benötigt, um den Masterplan der Berliner Museen - eines Tages - umzusetzen. Er stammt noch aus der Amtszeit von Peter-Klaus Schuster, der bis 2008 Generaldirektor der Staatlichen Museen war. Danach sollen die Alten Meister aus der Gemäldegalerie in einen Neubau an der Museumsinsel umziehen.

Damit würde die Gemäldegalerie, das große Haus am Kulturforum, frei werden für ein neu einzurichtendes "Museum des 20. Jahrhunderts". Darin könnte dann die ausgewählte Surrealisten-Sammlung von Ulla und Heinz H. Pietzsch ihren Stammplatz finden. Die Privatkollektion des Sammlerpaares besteht aus rund 150 Werken der Klassischen Moderne, von Max Ernst über Salvador Dalí bis René Magritte. Der Schätzwert liegt bei 120 Millionen Euro. Die beiden Berliner haben an den Schenkungsvertrag eine Bedingung geknüpft: die Werke müssen ausgestellt sein, dürfen nicht im Depot verschwinden. Dafür aber gibt es eben noch keinen Platz. Die Neue Nationalgalerie ist definitiv zu klein. Auch nach der anstehenden Sanierung des Mies-van-der-Rohe-Baus wird dieses Platzproblem nicht gelöst sein. Gabriela Walde sprach mit Heinz H. Pietzsch über den Stand der Dinge.

Berliner Morgenpost: Herr Pietzsch, vor gut einem Jahr haben Sie Ihre Kollektion dem Land Berlin überschrieben. Aber ein Platz für ihre Sammlung gibt es immer noch nicht. Wie halten Sie Ihren Optimismus?

Heinz Pietzsch: Es geht langsam, aber es läuft gut. Natürlich ist das alles keine ganz einfache Sache. Aber alle Beteiligten haben den Willen, dass die Sammlung einen adäquaten Platz bekommt. Und in einem sind wir uns auch alle einig: Wir brauchen kein neues Provisorium, um die Sammlung nur kurzfristig unterzubringen. Was wir brauchen, ist eine langfristige und dauerhafte Lösung. Berlins Museumslandschaft muss endgültig den Masterplan umsetzen mit dem Umzug der Gemäldegalerie Richtung Museumsinsel. Am Kulturforum, im dann eingerichteten Museum des 20. Jahrhunderts könnte unsere Kollektion eine wichtige Abteilung sein. Wir brauchen dem zufolge den Erweiterungsbau des Bode-Museums. Dort würden Skulpturen und Gemälde der Häuser zusammengeführt werden - das war ja auch Bodes ursprüngliche Idee. Wie gut das Konzept tatsächlich funktioniert, das haben wir ja bei den "Gesichtern der Renaissance" gesehen.

Berliner Morgenpost: Sie wollen kein eigenes Haus? Andere Sammler sehen darin ihre Bestätigung.

Heinz Pietzsch: Nein, ein eigenes Museum für unsere Kollektion wollen wir nicht. Sie soll im Kontext andere Werke ausgestellt werden, auch Wechselausstellungen könnten den Kontext erhellen, sie lebendig halten.

Berliner Morgenpost: Nur dafür gibt es halt noch kein Geld.

Heinz Pietzsch: Unsere Sammlung ist in fünfzig Jahren entstanden, eine in sich abgeschlossene Kollektion, die es so nicht mehr gibt. Wir wollen, dass sie nicht verscherbelt wird. Verstehen Sie, es geht uns nicht um den Geldwert, sondern darum, unser Lebenswerk zugänglich zu machen für die Öffentlichkeit. Da kommt es jetzt auf ein Jahr mehr oder weniger nicht mehr an. Selbst wenn ich das nicht mehr erleben sollte. Da bin ich nicht so eitel.

Berliner Morgenpost: Berlin hat viele Museen und öffentliche Privatsammlungen, brauchen wir unbedingt noch ein Museum speziell für das 20. Jahrhundert? Führt das nicht zu einer Zersplitterung?

Heinz Pietzsch: Die Neue Nationalgalerie ist ein hervorragendes Ausstellungshaus, aber es gibt dort aus Platzgründen keine Möglichkeiten, die Kunst des 20. Jahrhunderts als vielfältiges Ganzes zu zeigen. Wir haben in der Stadt Denkmäler für alles und alle gebaut, zu Recht. Aber die Kunst des 20. Jahrhunderts, die in Berlin systematisch zerstört wurde, die kann man an keinem Ort wahrnehmen. Ein solches Museum ist eine Pflicht in dieser Stadt, so empfinde ich es. 75 Prozent der Kunst aus Berliner Museen wurde damals als entartet stigmatisiert. Diese Geschichte sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Berliner Morgenpost: Stiftungspräsident Hermann Parzinger sucht derzeit Sponsoren. Es gibt Kritiker, die sehen darin eine gewisse Hilflosigkeit in der Planung.

Heinz Pietzsch: Auf ihn lasse ich nichts kommen. Hermann Parzinger ist der größte Motor in der Sache, unablässig bemüht, eine Lösung zu finden. Wir sind laufend im Gespräch. Die Schenkung wird an das Land Berlin gehen, nicht an die Stiftung, denn das Land hat ja ganz andere Möglichkeiten, die Dinge zu realisieren. Klaus Wowereit war ziemlich schnell von unserer Sammlung überzeugt. Ich erinnere mich daran, wie er damals durch die Ausstellung "Bilderträume" in der Nationalgalerie ging und sagte: Die Werke gehören nach Berlin und müssen hier bleiben.

Berliner Morgenpost: Mit der Neueinrichtung würde das Kulturforum dann aufgewertet werden. Die Neue Nationalgalerie als Architektur-Ikone würde dann internationales Ausstellungshaus werden.

Heinz Pietzsch: Ja, der Mies-van-der-Rohe-Bau ist hervorragend dafür geeignet. Mein Vorbild ist der Pariser Petit Palais. Man könnte ein, zwei große Ausstellungen pro Jahr dort planen. Die würden sich selbst finanzieren. Es gäbe Sponsoren, man könnte sogar damit Geld verdienen. Nachdem das Museum of Modern Art die umschwärmte MoMA-Ausstellung in Berlin präsentiert hatte, verzeichnete man in New York deutlichen Besucherzuspruch aus Deutschland. So gesehen gäbe es sicher jede Menge hochkarätiger Kooperationen aus der ganzen Welt.

Berliner Morgenpost: In der Tat muss man sich in Berlin derzeit um Museumsbesucher keine Sorgen machen. Sie strömen in die Häuser, es gibt eine große Nachfrage.

Heinz Pietzsch: Der Tourismus boomt, das gehört zusammen. Und genau das ist ja unsere Chance in Berlin, die wir nutzen müssen. Wir brauchen starke Museen, gute Auftritte, viele Angebote. Die Museumsinsel, das Kulturforum, das Humboldtforum, der Hamburger Bahnhof - das ist unser Pfund. Wenn das alles einmal zusammen funktioniert, dann sind wir stärker als Paris - trotz Louvre!