Standpunkt

Nur weil die Präsidenten-Posse peinlich ist, darf sie nicht verschwiegen werden

Für sein historisches TV-Interview wählte der Bundespräsident eine durchsichtige Strategie: Er hat sich zum Opfer gewissenloser Medien erklärt. Die schlechte Nachricht: Ein Gutteil der Deutschen ist dem Staatsoberhaupt auf den Leim gegangen und findet, man möge den armen Mann in Ruhe lassen mit der Frage nach zweifelhaften Flugmeilen, die andere Politiker das Amt gekostet haben.

Die noch schlechtere Nachricht: Medienkritik ist mindestens so berechtigt wie Politikkritik. Natürlich schießen wenige Borderliner im Enthüllungswahn über jede Grenze von Respekt, Anstand und Benimm hinaus. Was auch daran liegen mag, dass kaum eine Branche weniger Sanktionen fürchten muss. Beamte, Spitzensportler, Politiker, Frittenbuden werden durchleuchtet und mit absurden Regeln drangsaliert. Journalismus dagegen entzieht sich der Kontrollwut. Hier eine Gegendarstellung, dort ein Schadenersatz. Aber selten hat man Chefredakteure bei einer Entschuldigung erlebt. Auch der Autor dieser Zeilen weiß das Privileg zu schätzen, jeden Tag eine neue Meinung präsentieren und Würdenträger anmisten zu dürfen ohne mit den eigenen Fehlern der letzten Woche konfrontiert zu werden.

Die Selbstdemontage des Bundespräsidenten ist allerdings ein denkbar schlechtes Beispiel für medialen Machtmissbrauch. Erstens bewirkt auch massiver öffentlicher Druck eben nicht, wofür es ohnehin zu spät ist - Rücktritt. Zweitens machen deutsche Journalisten im Vergleich einen ordentlichen Job, allemal erträglicher jedenfalls als Berlusconis Schranzen, als Murdochs Gewissenlose, als die vielen Sektierer in den USA.

Umso merkwürdiger, dass es um das Ansehen der deutschen Öffentlichkeits-Hersteller dennoch so unterirdisch bestellt ist. Formal haben Zeitungen, Magazine, Sender und Online-Angebote quasi Verfassungsrang. Als Vierte Gewalt kontrollieren sie das Treiben der Mächtigen, geben den weniger Mächtigen eine Stimme und statten den Wahlbürger mit allem Wissenswerten aus, um an der Mitmachveranstaltung Demokratie teilzunehmen. Soweit die Theorie.

In der Praxis herrschen indes andere Werte. Kaum eine Branche hat in den letzten zwanzig Jahren so viele Umbrüche, Einkommensverluste und Mehrbelastungen ertragen müssen. Ein gnadenloser Wettbewerb schafft Schund, klar; er bietet dem Kunden aber auch tagtäglich eine ungeheure intellektuelle und gestalterische Vielfalt, auch dank vieler Unentwegter, die mit Leidenschaft und Haltung ihren Job machen. Gerade im Fall Wulff haben die Medien, wie beim Freiherrn zu Guttenberg übrigens auch, in der Gesamtheit verantwortungsvoll gearbeitet. Nur weil die Präsidenten-Posse peinlich ist, darf sie ja nicht verschwiegen werden. Am Ende leiden Politik und Medien an sehr ähnlichen Problemen: Drei Viertel arbeiten ordentlich, 20 Prozent an der Grenze, aber nicht weiter gefährlich. Nur 5 Prozent sind indiskutabel. Dass einer aus dem zweifelhaften 5-Prozent-Bereich der Politik auf 95 Prozent anständiger Medienvertreter eindrischt, bestärkt den Eindruck von Wulffs dauerhaft verzerrter Wahrnehmung.