Interview: Michael Gwisdek

"Ich hasse das Wort Lebensabend"

| Lesedauer: 8 Minuten

Seit mehr als 40 Jahren ist Michael Gwisdek im Geschäft. Mühelos in Ost und West beschäftigt. Hollywood hat ihn zwar nie gerufen, aber zumindest saßen die Stars im Saal, wenn er in Cannes ("Treffen in Travers") oder in Berlin ("Das Mambospiel") Filme in seiner Regie zeigte. Er selbst als Schauspieler hat irgendwann den Stempel "Klassenclown des deutschen Films" bekommen.

Obwohl er mit Filmen wie "Coming out" oder "Olle Henry" gezeigt hat, dass er auch anders kann. Heute feiert Michael Gwisdek, der es sich mittlerweile in der Schorfheide gemütlich gemacht hat, seinen 70. Geburtstag. Peter Beddies hat sich mit ihm getroffen.

Berliner Morgenpost: Bei manchen Menschen kommt die Angst vor dem drohenden Alter schon mit 40, bei anderen mit 80. Wie ist das bei Ihnen?

Michael Gwisdek: Sehr situationsabhängig. Ich kann nur eines sagen. Nämlich, dass ich das Wort Lebensabend hasse. Ich empfinde das als irgendwie sehr ungerecht. In meiner Wahrnehmung bin ich ungefähr 50 Jahre vom Lebensabend, was immer das sein soll, entfernt. Ich möchte also auf der einen Seite nicht so weit voraus denken. Auf der anderen Seite aber - biologisch gesehen - müsste der Lebensabend ja jetzt bald mal anfangen.

Berliner Morgenpost: Es gäbe den Weg, dagegen anzukämpfen. Der Jugendwahn - besonders unter älteren Menschen - scheint immer mehr um sich zu greifen.

Michael Gwisdek: Eben. Und deshalb mache ich da nicht mit. Berufsjugendlicher, das hätte mir gerade noch gefehlt. Außerdem habe ich gerade so eine Phase, die diesem Jungfühlen-und-Immer-aktiv-sein-müssen extrem entgegenläuft.

Berliner Morgenpost: Wodurch ist die geprägt?

Michael Gwisdek: Durch meine Leidenschaft für meinen Garten, oder besser gesagt, mein Grundstück in der Schorfheide. Was mich mein Leben lang nicht interessiert hat, das finde ich jetzt toll. Und da schlage ich auch richtig zu. Mit Koiteich und Wasserfall und Kitsch und Gemütlichkeit und Hühnern. Das gesamte Programm.

Berliner Morgenpost: Dorthin ziehen Sie sich also zurück, wenn es mal zuviel wird in der Stadt?

Michael Gwisdek: Nee, da draußen lebe ich. Morgens trete ich vor die Tür und denke: "Mensch, ist dette schön hier!" Ein ehemaliger Kiefernwald, den ich langsam gefällt und eine Landschaft angelegt habe. Alles icke selber. Am Anfang haben die Nachbarn noch gestaunt. Mittlerweile weiß jeder, dass ich handwerklich ganz geschickt bin.

Berliner Morgenpost: Akkurat angelegte Beete findet man da aber nicht.

Michael Gwisdek: Auf keinen Fall. Das wäre mir ein Grauen. Alles, was ich da angebaut habe, soll so natürlich wie möglich aussehen. Die ganzen Pflanzen habe ich vom Straßenrand abgekratzt und bei mir auf den Rasen gefeuert. So ein "Frisör"-Grundstück mit geschnittenem Rasen sollte das nie werden. Da wuchert alles, es gibt Wiese und Steine und Berge und Dings und Teiche. Und das ist schön, ja.

Berliner Morgenpost: Lässt die Energie für das Filmemachen im Laufe der Zeit nach?

Michael Gwisdek: Wenn ich denn wirklich mal den Kopf wende und sehe, wie ich die Dinge früher angegangen bin und wie heute, kann ich nur sagen, dass die Energie exakt dieselbe ist. Wenn ich an ein Filmset komme, habe ich dieses wunderschöne Gefühl, nach Hause zu kommen. Da fühle ich mich wohl. Da werde ich verstanden. Da nimmt man mir nichts übel. Und wenn die Kamera angeht, beschreiben viele Kollegen das Gefühl so, dass sie eine gewisse Angst überkommt. Kenne ich nicht. Ich lebe auf. Ich spiele für mein Leben gern. Ha, könnte glatt eine Schlagzeile sein!

Berliner Morgenpost: Wer Sie in den letzten Jahren im Kino gesehen hat, der hat einen ganz anderen Michael Gwisdek gesehen als früher.

Michael Gwisdek: Stimmt. In den letzten Jahren habe ich aus meinen Rollen oft Kasperköppe und Zappelphilippe gemacht. Damit habe ich Erfolg gefeiert, dass das so 'ne Kauze sind. Aber ich würde gern noch mal anders.

Berliner Morgenpost: Sie könnten es recht einfach haben und sich selbst inszenieren.

Michael Gwisdek: Richtig. Aber ich sage nur: der Garten wartet. Ich würde gern noch mal einen Film inszenieren. Da habe ich das Gefühl, noch eine Rechnung offen zu haben. Irgendwo schlummert in mir noch das Talent, das ich bisher nicht so richtig zeigen konnte.

Berliner Morgenpost: Haben Sie schon eine Idee, was Sie in diesem Film spielen könnten?

Michael Gwisdek: Ja, es schwirrt da schon längere Zeit so eine Idee durch meinen Kopf. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich als der lustige, etwas eigenartige Gwisdek wahrgenommen werde. Aber gerade zu Beginn meiner Karriere habe ich öfter gehört, dass ich auch diesen gewissen Killerblick draufhabe. Einen eiskalter Killer, den würde ich gern geben. Aber ich muss auch ehrlich sein und sagen, dass ich meine Karriere als Filmemacher ein bisschen habe ruhen lassen, weil ich faul sein kann.

Berliner Morgenpost: Sie haben 140 Filme in 45 Jahren gemacht.

Michael Gwisdek: War auch viel. Ist nicht jeder Film ein Knüller. Aber schon viel dabei, dass ich auch heute noch gern anschaue. So eine lange Karriere hat ja vor allem mit einem zu tun - mit Glück! Machen wir uns nichts vor. Das ist nicht wirklich mein Verdienst. Die Grundvoraussetzung ist natürlich Talent. Davon habe ich auch ein wenig. Aber jeder Schauspieler braucht mindestens 50 Prozent Glück. Wenn ich nicht in dem Moment, wo jemand was plant, genau an der richtigen Stelle, am richtigen Ort bin, wird das nichts.

Berliner Morgenpost: Daher nehmen Sie weiterhin jede Film-Premiere, jeden roten Teppich in Berlin mit.

Michael Gwisdek: Nein - nicht jede und jeden. Aber ich gehe immer noch dahin. Das ist richtig. Ich weiß, dass es viele Kollegen gibt, die das Prostitution nennen. Ist es im Grunde genommen auch. Stört mich aber nicht. Die Zeiten, wie damals in der DDR, als das Telegramm kam, dass man bitte mal kommen möge, die sind vorbei. Das aber ist nicht nur hier so.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Michael Gwisdek: Die wirklich Großen im Geschäft, also Leonardo DiCaprio und so, die machen das genau so. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Bernd Eichinger nach seiner Besatzung für "Das Parfüm" suchte, da ist die oberste Liga angereist und hat Purzelbäume geschlagen, um eine Rolle zu bekommen. So weit würde ich ja nicht gehen. Aber ich suche immer wieder mal nach dem richtigen Mann, der gerade eben die richtige Rolle für mich hat.

Berliner Morgenpost: Haben Sie das Gefühl, dass Sie noch von etwas getrieben werden, wenn Sie nach Rollen Ausschau halten?

Michael Gwisdek: Nein, was jetzt noch kommt, das ist Kür. Es waren in der Hauptsache zwei Preise, die mir sehr wichtig waren. Der Goldene Hugo auf dem Filmfest in Chicago und dann der Silberne Bär für "Nachtgestalten". Da setzte bei mir in gewisser Weise der Ehrgeiz aus, der beste Schauspieler der Welt werden zu wollen. Was dann folgte und immer noch folgt, ist eine Art Genussarbeit. Ich will die Früchte der Ehrgeiz-Arbeit genießen und lockerer werden. Und diese Lockerheit ist mir sehr gut bekommen.

Kino Babylon , Rosa-Luxemburg Str. 30, Mitte, zeigt ab 15. Januar eine Gwisdek-Filmreihe. Tel. 24 72 78 01.