"Haus der Löcher"

"Ich bin lüstern, ungeliebt und verloren"

Nicholson Baker ist so etwas wie die Quadratur des Kreises gelungen: Dieser Mann schafft es, gleichzeitig witzig und hochgradig obszön zu sein. Wollust und Gelächter passen in der Regel so wenig zueinander wie Feuerwerk und Wolkenbruch.

Baker hat die Gegensätze spielend vermählt. Zum ersten Mal gelang ihm dies in seiner Novelle "Vox", die von Telefonsex handelt - das Buch war so, dass Monica Lewinsky es Bill Clinton schenkte, mit den bekannten Folgen.

Jetzt hat Nicholson Baker ein neues Werk vorgelegt, das dermaßen obszön ist, dass es einem beim Lesen des Öfteren die Schuhe auszieht. Das Buch fängt damit an, dass eine Studentin namens Shandee einen Arm findet, der zwar nicht sprechen kann, aber über Intelligenz und viel Gefühl verfügt, sich frei und anmutig bewegt, ungeduldig trommelt, vor Eifersucht mit den Fingern schnipst usw. Der Arm gehört, wie sich herausstellt, einem netten jungen Mann namens Dave, der ihn zeitweilig hergeben musste, weil er sich einen größeren Penis gewünscht hat. Sein abgetrennter Arm verschafft erst einmal Shandees Mitbewohnerin großartige Hochgefühle ("Ham, ham, uh, uh, uh, uh, uh, uh, ham, ham HAA!"), dann ihr selbst, und schließlich formt er seine Finger zu einem O. Durch dieses O schlüpft Shandee ins "Haus der Löcher"; bald stellt sich heraus, dass man durch jedes runde Objekt schnurstracks dorthin gelangen kann - durch einen Strohhalm, die Rückseite eines Wäschetrockners, durch das bewusste weibliche Organ.

Es folgt: eine Serie von kunterbunt ineinander verschränkten unanständigen Miniaturen, denn jene andere Welt, in die Baker uns entführt, ist ein Paradies, in dem beinahe alle sexuellen Wünsche sofort wahr werden. Die Frauen erweisen sich dabei als genauso hilflos geil wie die Männer. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht einzig darin: Für Frauen ist das Vergnügen gratis, Männer dagegen müssen sich dumm und dämlich zahlen - es sei denn, sie können nachweisen, dass ihr Same über Heilkräfte verfügt. Dann ist der Kuraufenthalt auch für sie umsonst.

Im Klappentext der Originalausgabe wird "House of Holes" mit dem "Garten der Lüste" von Hieronymos Bosch verglichen, und dieser Vergleich ist keineswegs absurd. Das Buch erinnert außerdem an Lewis Carrolls "Alice im Wunderland": Shandee ist Alice, Daves Arm ist das Kaninchen, dem sie ins Loch folgt. Und wie bei "Alice" gibt es wunderbare satirische Einsprengsel. Ein Mann hält Vorträge zu dem Thema "Wie man andere Leute dazu bringt, dass sie einem all ihr Geld geben". Im Anschluss trifft er eine Filmemacherin, die für wohltätige Zwecke einen Dokumentarfilm dreht, und zwar "über Frauen in einer abgelegenen Region in Estland, die singen, während sie masturbieren".

Klar handelt es sich bei "Haus der Löcher" um eine Metapher für die Internetpornografie, jener Versuchung zur Dauermasturbation, die im 21. Jahrhundert immer nur einen Klick entfernt ist. In "Haus der Löcher" tritt ein Ungeheuer auf, das sich von selbst aus dem Schleim aller schlechten Pornos dieses Planeten gebildet hat. Nachdem eine Frau dem Monster einen Kopf hat wachsen lassen, sagt es traurig: "Ich bin lüstern, ungeliebt und verloren." Bei Bakers Buch handelt es sich nicht um Pornografie, sondern um deren glattes Gegenteil. In Pornos kommen Menschen nur deswegen vor, weil die Geschlechtsteile Hände und Füße brauchen; in "House of Holes" dagegen wimmeln die Geschlechtsteile nur deshalb so herum, damit sie sich zu ganzen Menschen formen können.

Nicholson Baker: Haus der Löcher Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Rowohlt. 320 S., 19,95 Euro