Interview

"Die ganze Stadt soll klingen"

Sir Simon Rattle wird in Baden-Baden erstmals Mozarts "Zauberflöte" dirigieren. Die neuen Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker sollen vom 23. März bis 1. April 2013 im und ums Festspielhaus herum stattfinden. Neben den Opernaufführungen und Sinfoniekonzerten wird der Kammermusik und der Nachwuchsförderung breiten Raum eingeräumt. Volker Blech sprach mit dem Philharmoniker-Intendanten Martin Hoffmann und dem Geiger und Medienvorstand Stanley Dodds über das neue Festival.

Berliner Morgenpost: Herr Hoffmann, für Sie ist Baden-Baden fast ein Heimspiel?

Martin Hoffmann: Das stimmt, ich bin ja nicht weit weg von Baden-Baden geboren worden und ich erinnere mich an einen Ausflug, so als Acht- oder Neunjähriger. Baden-Baden war für uns Halbwüchsige die große Welt: mit einer Jahrhunderte langen Tradition als Residenzstadt, einer Spielbank und Spielsüchtigen wie Dostojewski.

Berliner Morgenpost: Auf jeden Fall kommt ein anderes Publikum als in Salzburg auf Sie zu.

Hoffmann: Das werden wir sehen. Ich denke, dass ein bestimmtes, treues Publikum der Berliner Philharmoniker mit uns nach Baden-Baden kommen wird. Und Baden-Baden verfügt über ein Festspielhaus, in dem das ganze Jahr über gespielt wird, es gibt hochkarätige und fantastisch besetzte Produktionen. Wir glauben, dort ein kundiges sowohl internationales als auch regionales Publikum zu finden.

Berliner Morgenpost: Woran wollen Sie den Erfolg des neuen Festivals ermessen? An den Finanzen? Am Applaus? Oder geht es um die Aufwertung der Marke Philharmoniker?

Hoffmann: Das Festival selbst muss zum Erfolg werden. Es geht um das Musikalische. Wir wollen dem Festival den Stempel unserer Exzellenz aufdrücken. Aber wir werden den Erfolg nicht nach dem ersten Festival ermessen können. Wir werden Erfahrungen sammeln, was gut ankommt und was wir anders machen müssen.

Stanley Dodds: In Baden-Baden erhofft man als Musiker, sich voll austoben zu können. Unsere Ideen stoßen dort immer auf offene Ohren. Und ein Künstler möchte immer gehört werden.

Berliner Morgenpost: Was soll in Baden-Baden grundsätzlich anders gemacht werden als in Salzburg?

Dodds: Wenn man die Struktur des Festivals anschaut, dann ist es wirklich ein Festival des Orchesters, das es in diesem Umfang noch nicht gegeben hat. Wir sind ein Konzertorchester und spielen in Baden-Baden Oper, was für uns eine Seltenheit ist. Die Opernaufführungen sind eine der Hauptattraktionen. Darüber hinaus gibt es Konzerte und eine Serie an kammermusikalischen Meisterkonzerten, bei denen sich das Orchester in den verschiedensten Formationen präsentiert. Der Besucher hat während der Festspiele die Möglichkeit, komplett in die Welt der Berliner Philharmoniker einzutauchen.

Berliner Morgenpost: Und wer kann sich das leisten?

Dodds: Sicherlich gibt es dort viele wohlhabende Leute. Aber darum geht es uns nicht, denn gerade durch die Breite unseres Angebots wollen wir breite Publikumskreise erreichen.

Berliner Morgenpost: Ist es für einen Berliner Philharmoniker egal, in welcher Stadt er spielt?

Dodds: Nein, das ist nicht egal. Es gibt schon schöne und weniger schöne Städte. Aber Baden-Baden gehört zu den schöneren Flecken auf dieser Erde.

Hoffmann: Unser Festival nutzt die vielen attraktiven Spielstätten in der Stadt. Wir werden jeden Tag vom Casino, über den Weinbrennersaal und das Frieder-Burda-Museum bis hin zur Orangerie Musik machen. Die Kammermusik-Ensembles beginnen bereits vormittags um elf mit ihren Konzerten. Wir suchen einen direkteren Kontakt des Orchesters zum Publikum.

Dodds: Wir Musiker haben den Eindruck, dass wir die ganze Stadt zum Klingen bringen können.

Berliner Morgenpost: Das hätten Sie auch in Salzburg machen können.

Hoffmann: Nein, wir haben das ja versucht. In dieser Breite, dieser Variabilität war es nicht möglich. Außerdem hat das Festspielhaus in Baden-Baden eine ausgezeichnete Akustik und wenn wir viermal Oper spielen wollen, gibt es nur ganz wenige Städte, in denen wir das machen können.

Berliner Morgenpost: Merkwürdigerweise wird Ihre "Zauberflöte" am selben Tag Premiere haben wie Christian Thielemanns Neueinstieg mit Wagners "Parsifal" in Salzburg. Das ist doch eine gefährliche Konkurrenz.

Hoffmann: Wir haben noch nie die Konkurrenz gescheut. Es wird ein interessanter Wettbewerb. Außerdem sehen wir Baden-Baden als eine langfristige Perspektive und dazu gehört auch der Spaß, etwas Neues zu entwickeln. Christian Thielemann ist im Übrigen ein wunderbarer Gastdirigent. Er kommt jedes Jahr zu den Berliner Philharmonikern. Das ist auch vollkommen getrennt von der Entscheidung, nach Baden-Baden zu wechseln. Und man kann Salzburg nur dazu gratulieren, dass sie sich für diese Nachfolge entschieden haben.

Berliner Morgenpost: Tatsache ist, die künftige Konkurrenz zu Ostern läuft zwischen Salzburg und Baden-Baden ab.

Hoffmann: Noch einmal: Wir freuen uns auf die Konkurrenz. Und wir hoffen, dass es sich für beide Institutionen gut entwickelt.

Dodds: Aber fest steht: Wer zu Ostern die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle hören möchte, muss nach Baden-Baden fahren.

Berliner Morgenpost: Was sind denn die größten Probleme, die bis nächstes Jahr geklärt werden müssen?

Hoffmann: Ich würde nicht von Problemen reden, aber es ist in Teilen ein Abenteuer, auf was wir uns da einlassen. Die Zusammenarbeit mit dem Festspielhaus läuft wunderbar, aber es bleibt ein Neuland. Programmatisch sind wir sehr weit. Wir haben mit Andris Nelsons einen wunderbaren Gastdirigenten dabei und mit Krystian Zimerman einen großen Solisten für Brahms Klavierkonzert. Das ist alles vorbereitet.

Dodds: Das Festspielhaus hat natürlich Erfahrungen mit reisenden Orchestern. In Salzburg hatten wir alle unser Stammlokale und eigenen Unterkünfte. Salzburg war für uns eine zweite Heimat, aber jetzt ziehen wir in eine neue Stadt um. Ich weiß, dass es gute Restaurants in der Umgebung gibt. Es ist eine gastfreundliche Gegend.

Hoffmann: Wir ziehen ja auch nicht in die Wildnis. Die Philharmoniker sind ein Drittel des Jahres unterwegs und wir haben keine Sorge, dass uns in Baden-Baden etwas fehlen wird.

Berliner Morgenpost: Was haben wir Berliner eigentlich davon, wenn die Philharmoniker in Baden-Baden Erfolg haben?

Hoffmann: Zuerst: Die Berliner müssen keinen Tag mehr auf uns verzichten. Die Zeit, die wir jetzt in Baden-Baden sind, waren wir zuvor auch in Salzburg. Aber wir können in Baden-Baden neue Programme, neue Formate wie auf einer Experimentierbühne ausprobieren, die dann im Kammermusiksaal wiederzufinden sind. Vieles ist denkbar.